Alles Gute, Jeanne d'Arc!
600. Geburtstag einer Ikone
Simone Huber
11.01.2012 15:21
Sie zählt zu den bedeutendsten Frauen in der Geschichte der Menschheit. Man nannte sie Ketzerin, Heilige, Heerführerin. Sie selbst nannte sich "La Pucelle" ("die Jungfrau"). Am 6. Jänner 2012 beging man in Frankreich den 600. Geburtstag von Jeanne d’Arc. Zu diesem Anlass wurden in ihrer Heimat zahlreiche Gedenkfeiern abgehalten, doch leider wird die Nationalheldin dieser Tage auch als Wahlkampfsymbol der französischen Politiker missbraucht ...
Das Gedenkjahr für Jeanne d'Arc wurde am 04.01.2012 in ihrem Geburtsort Domrémy durch die französische Diözese eröffnet. Die Feierlichkeiten des Jubiläumsjahres sollen mit einem Gedenkgottesdienst in der Basilika Domrémy-la-pucelle am 13. Mai 2012 ihren Höhepunkt erreichen. Die heilige Johanna von Orléans ist die Schutzpatronin von Frankreich, Rouen und Orléans sowie der Telegrafie und des Rundfunks.
Aufstieg eines Bauernmädchens
Johanna von Orléans hörte den Legenden nach göttliche Stimmen, die sie während der Zeit des Hundertjährigen Krieges anwiesen, Frankreich gegen die Burgunder und die Engländer zu führen. Geboren wurde das streng gläubige Mädchen 1412 in Domrémy, einem Dorf in Lothringen. Im Alter von 13 Jahren hatte sie laut Gerichtsprotokoll ihre ersten Visionen, in denen Heilige und Engel ihr zutrugen, sie müsse Frankreich befreien und dem Dauphin auf den Thron helfen. Mit 17 gelang es ihr, nach mehreren Versuchen und wochenlanger, eingehender Prüfung durch weltliche und geistliche Würdenträger, das Vertrauen des noch ungekrönten Königs zu erlangen. Dieser wollte absolut sicher gehen, dass das jungfräuliche Mädchen die Stimmen des Himmels und nicht etwa die der Hölle hörte – und ließ selbstverständlich auch deren Unberührtheit von Hofdamen prüfen.
Am 8. Mai 1429 flüchteten die Engländer, nachdem Jeanne d'Arc tags zuvor die französischen Truppen zu schier unglaublichen Kampfleistungen motiviert hatte, in dem sie – obwohl von einem Pfeil verletzt und schwer vom Pferd gestürzt – auf dem Schlachtfeld ausharrte und sogar selbst noch weiterkämpfte. Karl VII. wurde wie prophezeit am 17. Juli eben jenes Jahres in der Kathedrale von Reims gekrönt. Damit stand das aus einer wohlhabenden Bauernfamilie entsprungene Mädchen am Höhepunkt ihrer kurzen Karriere.
Fall einer Ikone
Im Herbst 1429 scheiterte die nunmehrige Ikone und Nationalheldin bei dem Versuch, Paris zu befreien und verlor dadurch Wohlwollen und Vertrauen des Königs. Dies war der Anfang von Johannas Ende: 1430 wurde sie verraten, festgenommen, nach Burgund ausgeliefert und nach mehreren Monaten Gefangenschaft für 10.000 Franken an den Herzog von Bedford verkauft, der sie an die katholische Gerichtsbarkeit in Rouen auslieferte.
Gericht und Prozesse
Die Engländer inszenierten einen Prozess, der auf politischer Ebene höchste Ausmaße erreichen sollte. Mithilfe der Verurteilung der "Pucelle" sollte der Kampfwille der Franzosen ausgelöscht und ihr König in jeglicher Hinsicht zu Fall gebracht werden.
Jeanne d'Arc verteidigte sich selbst ohne Beistand, doch ihre Intelligenz und ihre – für ihren Stand äußerst bemerkenswerte Rhetorik – konnten sie nicht retten. Sie wurde in 12 von knapp 70 Anklagepunkten schuldig gesprochen. Sie weigerte sich das Urteil anzuerkennen, da sie ihrer Meinung nach nur von Gott selbst gerichtet werden könne.
Kurzzeitig konnte Johanna von Orléans verhindern, am Scheiterhaufen zu landen, indem sie ihren Überzeugungen abschwor. Dadurch kam die Gerichtsbarkeit vom Todesurteil ab und verurteilte das Mädchen als Ketzerin zu lebenslanger Haft.
Die Anhänger des englischen Königshauses gaben sich mit dem Ausgang dieses ersten Prozesses nicht zufrieden, da ihr Plan, den französischen König als Ketzersymphatisanten anzukreiden und zu entmachten, damit verloren gewesen wäre und forderten erfolgreich einen zweiten Prozess.
Durch Intrigen der Engländer konnte der Jungfrau von Orléans nachgewiesen werden, dass sie in der Haft erneut Männerkleider getragen hatte. Ihren Einwänden, sie wäre dazu gezwungen worden, schenkte das Gericht ebensowenig Glauben, wie ihren Vorwürfen, man habe sie gequält und misshandelt.
Schlussendlich widerrief Jeanne d'Arc und wurde als "notorisch rückfällige Ketzerin" zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Am 30. Mai 1430 starb sie den Flammentod, und ihre Asche wurde in die Seine gestreut, um einen Reliquienkult zu verhindern. Einer Legende zufolge soll ihr Herz unversehrt geblieben sein.
Jeanne d'Arcs Mutter strebte einen Rehabilitationsprozess an, und dank ihrer Bemühungen wurde der Fall 24 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter nochmals aufgerollt. Karl VII. setzte sich ob der nach wie vor großen Beliebtheit der Nationalheldin und der veränderten politischen Lage für die Rehabilitierung ein, das ursprüngliche Urteil wurde wegen Formfehlern für ungültig erklärt und dadurch 1456 kirchlich aufgehoben.
Falsche Reliquien
1867 wurde ein ominöses Behältnis mit schwärzlich gefärbten Gebeinen auf dem Dachboden einer Apotheke in Tours gefunden, das laut Beschriftung Relikte von Jeanne d'Arcs Scheiterhaufen enthalten sollte. Die mutmaßlichen Überreste wurden Berichten zufolge erst im Jahr 2006 vom renommierten Rechtsmediziner Philippe Charlier untersucht, der zweifelsfrei feststellen konnte, dass die Knochen rund 1000 Jahre älter als die der Jungfrau von Orléans sind und eigentlich von einer ägyptischen Mumie stammen.
Selig und Heilig
Johanna von Orléans wurde 1909 erst selig und 11 Jahre später sogar heilig gesprochen. Im biographisch-bibliographischen Kirchenlexikon steht über sie zu lesen: "Die Jungfrau von Orléans war, wenngleich zu einem viel zu frühen Tod verdammt, angefüllt mit einem unbedingten Glauben an Gott und dem Bewusstsein der Göttlichkeit ihrer Sendung, ihr Leben war selbstlos und heroisch. Ihr Wesen erwies sich als großherzig und schlagfertig."
Johanna von Orléans heute
Das Bauernmädchen, das es bis an die Spitze des französischen Heeres geschafft hat, erfreut sich heute eines gewaltigen Kultstatus. Es gibt nur wenige Frauen in der Geschichte der Menschheit, die sich so großer Beliebtheit erfreuen und deren Leben so oft in literarischen Werken und Filmen aufgegriffen wurde. Selbst Größen wie Voltaire, Schiller und Shakespeare zollten der Jungfrau von Orléans Tribut. Sie ist Schutzpatronin, eine Ikone, eine Heilige, eine Nationalheldin, wie sie sonst nirgends zu finden ist. Und doch ist es traurige Tatsache, dass diese großartige junge Frau, die so viel für ihr Land geopfert hat, fast 600 Jahre nach ihrem Tod erneut missbraucht wird – als politisches Aushängeschild für den Wahlkampf der derzeitigen Machthaber und Machtgierigen ihrer geliebten Heimat Frankreich.
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