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FH Köln/Thilo Schmülgen
Das Restauratorenteam unter der Leitung von Fr. Prof. Dr. Stauffer vor dem prächtigen Seidenkaftan

FH Köln/Thilo Schmülgen
Historisches Puzzlespiel unter fachkundigen Händen: aus vielen Textilfragmenten wird ein frühmittelalterlicher Seidenkaftan

FH Köln/Thilo Schmülgen
Detail des prunkvollen Kaftans, der sogar mit andersfarbiger Seide gefüttert ist

FH Köln/Thilo Schmülgen
Ein Spezialistenteam restauriert in einem Gemeinschaftsprojekt den fast tausendjährigen Seidenkaftan

Johannes Seiler/Uni Bonn
Aus den mongolischen Gräbern konnte auch ein Reflexbogen mit Einlegearbeiten geborgen werden

Johannes Seiler/Uni Bonn
Ein spektakulär verzierter Lederköcher hat die tausend Jahre gut überstanden

Jürgen Vogel/LVR-LandesMuseum Bonn
Das älteste Saiteninstrument der Mongolei: eine Harfe, deren Endstück in Form eines Pferdekopfes gestaltet ist.

Jürgen Vogel/LVR-LandesMuseum Bonn
Das Täschchen aus der Haut des Schlangenkopffisches enthielt Feuerzeugutensilien und wurde mit einem Lederband verschlossen

Textile Sensationen aus dem Land der Steppenkrieger
Frühmittelalterliche Textilfunde aus der Mongolei
Andrea Koppel
07.02.2012 09:00

Vor Kurzem wurde die Vorstellung der frühmittelalterlichen Sensationen in den Huscarl.at Kurznachrichten bereits angekündigt. Heute wollen wir das Versprechen erfüllen und unserer Leserschaft detaillierte Bilder und Informationen zu den äußerst wertvollen, tausendjährigen Textilfunden aus dem Reich der Mongolen zur Verfügung stellen. Im Rahmen des Gemeinschaftsprojektes der Fachhochschule Köln mit der Universität Bonn, dem LVR-LandesMuseum Bonn und dem Institut für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften gelang ein sensationelles Puzzlespiel mit vollem Erfolg. Unzählige Textilfragmente wurden unter fachkundiger Leitung zu einem prächtigen Seidenkaftan sowie zum ältesten Wollmantel der Welt zusammengefügt. Aber auch andere Funde, die der bestattete Mongolenkrieger bei sich getragen haben muss, glänzen durch Einzigartigkeit und hohe Handwerkskunst.

Antike Textilien zu finden gilt in der Archäologie als Sensation. Dementsprechend stolz sind die Wissenschaftler daher auf die Funde, die 2008 von Experten des  Instituts für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften in Felsengräbern in der mongolischen Steppe gehoben werden konnten. Bis zu 1.300 Jahre alt waren die Objekte, die im Zuge der Grabungen ans Tageslicht kamen. Unter den Artefakten fanden sich zahlreiche Textilfragmente wie auch verschiedene Gegenstände wie ein Reflexbogen mit Köcher und Pfeilen, Pferdesättel, eine Tasche sowie ein Saiteninstrument. Der Ursprung dieser Gegenstände konnte von den Forschern auf die Zeit zwischen 7. und 11. Jahrhundert, also weitgehend das Frühmittelalter datiert werden.

Doch die Funde, wenngleich sie aufgrund der feinen Ausführung und des guten Erhaltungszustandes einzigartig sind, machen die Sensation allein nicht aus. Wirklich bemerkenswert ist die Tatsache, dass es einem Expertenteam der FH Köln unter der Leitung von Prof. Dr. Annemarie Stauffer gelang, aus den vielen textilen Puzzlesteinen zwei fast vollständige Kleidungsstücke aus dem 11. Jahrhundert zusammenzusetzen und diese fachkundig zu konservieren. Dabei handelt es sich um einen Wollmantel, der zurzeit der Älteste der Welt ist, und einen Seidenkaftan. Die Kleidung sagt nach den Ergebnissen der umfassenden Erforschung sehr viel über den ehemaligen Besitzer aus. Ganz allgemein weist die besonders hochwertige Verarbeitung sowie die wertvollen Materialien, aus denen die Kleidung gefertigt war, auf einen sozial sehr hochstehenden, reichen Besitzer hin.

Der Seidenkaftan - Vollendung in höchster Qualität

Das herrliche Kleidungsstück wurde durch und durch aus qualitativ besonders hochwertigem Seidendamast gefertigt. Sogar das Innere des Kaftans ist mit diesem Stoff gefüttert.
Auffällig ist vor allem der raffinierte Schnitt: Die Ärmel waren sehr lang und so gestaltet, dass der Kaftan auf unterschiedliche Weise getragen werden konnte. Schlitze unter den Armen sorgten dafür, dass die Arme zum Reiten frei waren und die Ärmel hinter dem Rücken verknotet werden konnten.

Die Existenz des Seidenkaftans beweist aber auch, dass die Mongolen Zugang zu chinesischen Handelsgütern hatten, denn nur im Land des Lächelns war man in der Lage, Damastseide herzustellen. Dennoch handelte es sich bei diesem Stoff schon damals um einen besonderen Luxus, sodass die Wissenschaftler der FH Köln annehmen, dass es sich dabei um ein Geschenk an einen hohen Würdenträger gehandelt haben muss.

Erst diese textilen Sensationen bieten den Wissenschaftlern einen Einblick in die Alltagsgewohnheiten und die Kulturgeschichte der Reiternomaden, deren Kultur nahezu spurlos untergangen ist.

Der Wollmantel - der Älteste seiner Art

Auch der Mantel aus Wollfilz besticht durch höchste Schneiderkunst. Wenngleich die Experten noch nicht sagen können, aus welcher Art Wolle der Stoff gewebt wurde, so bieten sie nach der Erforschung des Gewandes doch schon sehr klare Hinweise über die Schnitttechnik sowie die Funktionalität des Mantels.

Das Stück wurde aus einzelnen Stoffbahnen genäht, wobei die Feinheit des Wolltuches wie auch die sehr feine und gleichmäßige Verarbeitung besonders ins Auge stechen. Der Mantel wurde so zugeschnitten, dass er in sämtlichen Lebenslagen eine hohe Funktionalität aufweist. So lag das Kleidungsstück am Oberkörper eng an, wurde aber nach unten hin sehr weit, sodass der Träger damit bequem reiten konnte. Die Nähte waren so angebracht, dass der Reiter nicht darauf saß und die Nahtstellen somit keine Druck- oder Scheuerstellen am Körper verursachten. Der Wolldeel, wie ein Mantel aus Wollfilz auch genannt wird, war außerdem so lang, dass auch die Beine damit geschützt wurden. Gegen die Witterung half eine Kapuze, die am Mantel angebracht war.

Allerdings stand bei diesem Wolldeel nicht nur die Funktion, sondern auch die Dekoration im Vordergrund. So zeigte das Kleidungsstück typische Verzierungen der Reiternomadenkultur aus farbigem Filz sowie besondere Verschlüsse, die als zusätzlicher Dekor dienten.

Liebe zum Detail sogar bei Ausrüstungsgegenständen

Die Mongolen verfügten über hohes technisches Wissen. So gaben die in der Mongolei in Felsspalten entdeckten Gräber auch das älteste Saiteninstrument der Mongolei, eine Harfe mit einem als Pferdekopf gestalteten Endstück, frei. Daneben stießen die Archäologen auch auf einen Reflexbogen, der mit Einlegearbeiten aus Gold verziert war, sowie auf eine aufklappbare kleine Tasche.
Das Behältnis zog die Aufmerksamkeit der Forscher besonders auf sich, weil es aus einem sehr ungewöhnlichen Material bestand, das mit einem Steppenvolk kaum in Verbindung zu bringen ist. Das Täschchen wurde aus Fischleder, der Haut des Schlangenkopffisches gefertigt, und ist überhaupt das erste Stück aus diesem Material. Im Inneren der Tasche, die mit einem Lederband zu verschließen ist, befanden sich Feuerzeugutensilien.

Die beiden textilen Prunkstücke sind Mittelpunkt der Ausstellung "Steppenkrieger. Reiternomaden des 7. - 14. Jahrhunderts aus der Mongolei", die von 26.01. bis 29.04.2012 LVR-LandesMuseum Bonn. Insgesamt bietet die Sonderschau anhand zahlreicher einzigartiger Objekte wie Waffen, Ausrüstung und Kleidung außergewöhnliche Einblicke in die Geschichte der mongolischen Reitervölker.


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