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Florian Seidel
"Die Vorliebe der adeligen Gesellschaft für gewürzte Weine im Hochmittelalter spiegelt sich im Epos." (p. 179)

Florian Seidel
"wAn die truben geschütt syn in die presse mussen sie zu hant und also balde vß getretten syn mit den fußen [...] und wan sie [die Treter] glich getretten haben so mussen sie rumen daz der wyn wol mag abefließen/ und die truben wenden das nichts ungetretten belybe" (Petr. IV, 23) [p. 113]

Florian Seidel
"[... es gibt] [s]umeliche [....], di do betrygin den smak der lute (A, 53). So ist es anscheinend sehr beliebt, den Weinkäufern "nusse odir aldin kese wol gesalczen, lackericie" oder Honig zu essen anzubieten, dadurch schmeckt saurer Wein süss."(p. 199)

Weinbau und Weinbereitung im Mittelalter
Überblickswerk zum Wissenstand rund um den köstlichen Traubensaft.
Christina Laurin
25.01.2012 22:15

Häufig stark mit Gewürzen versetzt, variierten bereits im Mittelalter Qualität und Beliebtheit der einzelnen Weinsorten und Regionen, ein Trend der seit der Neuzeit verstärkt gepflegt wurde. Regina Wunderer spannt in dieser Diplomarbeit  aus dem Jahr 2001 anhand der Heranziehung mittelhochdeutscher Wein- und Pelzbücher aus dem gesamten deutschsprachigen Raum einen heute immer noch aktuellen Bogen über sämtliche wichtigen kulturgeschichtlichen Aspekte des Weinbaus und der Weinbereitung im Mittelalter.

Regina Wunderer wurde 1975 in Hollabrunn, Niederösterreich, geboren. Von 1994 bis 2000 studierte sie Deutsche Philologie und Geschichte, bis 2001 zudem Russisch. Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um ihre Diplomarbeit, publiziert in der Serie „Wiener Arbeiten zur Germanischen Altertumskunde und Philologie, Band 37“.

Großen Anteil an der Entstehung der Arbeit hatten ihre Eltern, welche beide im Weinbau tätig sind. Beide standen ihr somit bei allfälligen Fragen zu dem Thema Rede und Antwort, insbesondere der Vater, der auch an der HBLVA für Wein- und Obstbau lehrt.

Ziel von Regina Wunderers Arbeit war es, Techniken und Verfahren von Weinbau und Weinbereitung im deutschsprachigen Raum im Mittelalter darzustellen, auf ihre antiken Wurzeln hinzuweisen und ihre Praktikabilität zu hinterfragen.

Kompaktes Wissen von A bis Z

Auf knapp 230 Seiten im A5-Format präsentiert die Autorin in konzentrierter Form interessante Einzelheiten zu allen Aspekten des Weinbaus und erfüllt ihre Zielvorgabe ausgezeichnet: Durch die Einbindung verschiedenster mittelalterlicher Autoren von Fachprosa bis zum Ende des 15. Jahrhunderts erreicht sie es, ein klares Bild über den Kenntnisstand der damaligen Zeit zu zeichnen.

Selten, aber doch immer wieder, vergleicht die Autorin einzelne damalige Wissenstände, ausgehend von der Antike bis in die beginnende Renaissance hinein, mit der heutigen Weinproduktion, verweist jedoch im Schlußwort darauf, dass sich die Arbeiten im Weingarten kaum verändert, sich jedoch an die technischen Neuerungen angepasst haben. Einzig die Weinbereitung variiert deutlich zwischen Damals und Heute: Während heute naturbelassene Weine geschätzt werden, setzte man im Mittelalter verstärkt auf stark gewürzte Weine.

Als Laie in der Thematik des Weinbaus hätte sich die Rezensentin von diesen Vergleichen Damals-Heute etwas mehr gewünscht. Besonders das Kapitel zu den Zusatzstoffen wäre dadurch sicher noch spannender gewesen, wenn auch gleich der heutige  Stand der Technik in der Hinsicht ersichtlich gewesen wäre, oder aber auch ein Hinweis von medizinischer Seite, inwieweit eine Dosierung aus moderner Sicht damals eher gesundheitsschädlich gewirkt hätte.

Denn kurios in der Hinsicht ist die auch von der Autorin betonte Tatsache, dass die Grenze zwischen zugelassener Beigabe von Zutatzstoffen zur Verbesserung der Weinqualität, sowie der Weinfälschung und der Gesundheit schädigenden Wirkung mancher Inhaltsstoffe offensichtlich fließend war, und für den Einzelnen schwer zu beurteilen.

Das umfassende Literaturverzeichnis entschädigt für den Mangel jedoch allemal, lässt es Interessierte doch schließlich perfekt weiter recherchieren!

Mittelhochdeutsche Autoren kommen zu Wort

In der Einleitung listet die Autorin ihre Primärquellen, welche sich besonders ab dem 13. Jahrhundert mehrten, chronologisch auf. Hier kommen auch geschichtliche Hintergründe nicht zu kurz und Hinweise, welche lateinischen bzw. älteren Autoren jeweils das neuere Werk in seiner Entstehung beeinflussten.

In sieben Kapiteln wird anschließend von der Verbreitung der Weinberge, über die Anlage eines Weingartens, die erforderlichen Arbeiten, die Lese, die Kellerwirtschaft, Rebsorten und Weinarten, Weinkost und Weinverkauf, sowie die Essigherstellung eingegangen.

Besonders umfassend ist das Kapitel der Kellerwirtschaft, welches auch auf Gärungsvorgänge und die Möglichkeiten zur Verbesserung der Haltbarkeit, Geschmack und Färbung durch eine enorme Beigabe von Zusatzstoffen eingeht. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Unterschiede und Bereitung von Essig, Kräuter- und Gewürzweinen, Obstweinen etc. und auf die Wertung der einzelnen Weinsorten in den Augen der zeitgenössischen Autoren eingegangen.

Der Schreibstil der Autorin liest sich gut und zügig, der Inhalt wird durch das „zur Sprache kommen lassen“ der mittelhochdeutschen Autoren lebendig, wobei hier ein gewisses Grundmaß an Kenntnis der mittelhochdeutschen Sprache beim Lesen von Vorteil ist, da die Aussagen nur zu einem geringen Teil übersetzt werden. Positiv anzumerken sei auch der sachliche Umgang seitens der Autorin mit den, verglichen mit heutigem Wissens- und Technikstand, oft "primitiven" und sehr magisch angehauchten Vorstellungen der Weinbereitung des Mittelalters.

Auch die Gliederung des Texts ist sehr überschaubar und angenehm. Aufgelockert wird das ganze Buch zusätzlich durch zahlreiche Schwarz-Weiß-Abbildungen und Drucke aus dem Spätmittelalter und der beginnenden Renaissance, welche die beschriebenen Arbeiten im Weinbau und der Weinbereitung eindrucksvoll veranschaulichen. Angenehm ist auch der nach Zusatzstoffen sortierte Index, der so ein rasches Auffinden nach diesem Gesichtspunkt ermöglicht.

Österreichbezug: Vorhanden, aber nicht übermäßig

Bereits seit 750 und 550 vor Christus ist in Zentraleuropa der Weinbau nachweisbar, ein 100 Liter-Weinfund in einem Wagengrab der Herrin von Mitterkirchen im Machland (Oberösterreich) ist auf das 7. Jahrhundert v. Chr. datiert. Die prestigeträchtige Weinkultur verbreitete sich von da an sehr rasch in den römischen Gebieten.

Bei einer österreichischen Autorin erhofft man sich selbstverständlich auch verstärkt aus österreichischen Quellen zu erfahren, war doch beispielsweise Wien eine blühende Weinregion im Mittelalter.  Zwar erfüllt sie diese Hoffnung stellenweise, beispielsweise durch Zitierung einiger österreichische Quellen oder die Hervorhebung der in Österreich beliebten Weine im 13./14. Jahrhundert, bleibt aber bei vielen Themen wiederum sehr allgemein.

Ein durchgängiger literarischer Wein-Genuss

Abschließend bleibt der Rezentin nur zu sagen: Auch wenn der Einkaufspreis in Relation zu Optik und Buchgestaltung (Paperbookcover) eher überteuert scheint, so ist der Inhalt selbst das Geld für diejenigen, die das Thema interessiert, sicher wert.

Zwar ist es für den Laien bisweilen nicht einfach, jedem Gedankengang aufgrund fehlendem fachspezifischen Hintergrundwissen zu folgen, trotzdem ist die Lektüre sehr lehrreich und interessant und lädt zu einer weiteren Recherche auf dem Gebiet ein.

Besondere Freude an dem Werk werden speziell Weingartenbesitzer oder Hobby-Winzer haben, welche unter Umständen bereits das experimentielle Zubereiten von Weinen nach mittelalterlichen Quellen angedacht hatten, denen jedoch ein kompakter Ausgangspunkt zur tieferen Beschäftigung mit der Materie bisher gefehlt hat.

Ob man dann so einen „authentischen Wein“ heutzutage noch trinken möchte oder sollte, sei dahingestellt. Die Rezensentin überlässt nach der Lektüre des Buchs jedenfalls gerne Wagemutigeren den Vortritt!


Bibliographische Angaben:

Wunderer, Regina:
Weinbau und Weinbereitung im Mittelalter
Unter besonderer Berücksichtigung
der mittelhochdeutschen Pelz- und Weinbücher

Reihe: Wiener Arbeiten zur
Germanischen Altertumskunde
und Philologie - Band 37

Erscheinungsjahr: 2001
Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt/M., New York, Oxford, Wien, 2001.
234 Seiten
zahlr. Abbildungen, 2 Karten

ISBN 978-3-906767-33-8 br.

Preisempfehlung: 58,90 €

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