Ritter, Gaukler, Beutelschneider. Mittelalter im Heut'.
Eine Mittelalter-Komödie von Tom Freiwah.
Oliver Walter
04.12.2011 16:00
So höret Ihr Recken und auch Ihr Maiden, Ihr lieben –
Ein neues Büchleyn wurd mit viel Fleyß geschrieben!
Gar hurtig hats den Weg in die Läden gefunden
Um von Rittern, Gauklern und Beutelschneidern zu kunden!
Meyster Freiwah, so nennt sich der find’ge Schreyber
Nymmt gar trefflich uffs Korn der Szene Recken und auch Weyber!
Auch Byldlein, vom magischen Kästchen gemacht
Wurden vom Autor in gar großer Zahl mitgebracht!
Damit ist eigentlich alles gesagt. Sprich: Wem hastig vom Rezensenten hingeklotzte Kinderreime mit Versatzstücken aus Marktsprech gefallen, der ist mit diesem Buch bestens bedient. Denn das kann der Autor von „Ritter, Gaukler, Beutelschneider“ doch wesentlich besser als der Schreiber dieser Zeilen. Wer allerdings Freund des gepflegten Humors und stilvoller Unterhaltung ist, der sollte die Finger davon lassen.
Eine Antithese zu gelebter Qualität
Gut, das Buch hat Pech, wenn ein Gegenstand so etwas überhaupt haben kann – es fiel zur Rezension in die Hände eines Redakteurs, der hinsichtlich der Mittelalterdarstellung eher zum Qualitätsanspruch tendiert und auf Grobmittelalter und Marktsprech so reagiert wie der sprichwörtliche Teufel auf das Weihwasser, und der dennoch nicht unbedingt im Ruf steht, komplett humorbefreit zu sein. Nichtsdestotrotz hat er tief Luft geholt und das ganze Buch einmal komplett durchgelesen – wenn auch aus Selbstschutz auf mehrere Etappen.
Modernes Markt-Mittelalter auf historisch komisch getrimmt
Die Aufmachung ist auch nicht schlecht, 68 bunte Hochglanzseiten, schön gelayoutet, und durch die Bank auf moderne Schriftarten verzichtet. Aber der Inhalt lässt beim geneigten Leser die Frage nach der Zielgruppe dieses Werks aufkommen.
In grober thematischer Gliederung mit klingenden Bezeichnungen wie „Die Ritter, im Allgemeinen und überhaupt“, „Der Frauen vielerley Gestalt – Hexen, Amazon und Deifelswerk“, „Der Medicus, der Weisheit letzter Schluss“, „Die Minne – wehe wen die Muse küsst“, „Das jugendlich Gefolge – keck Knaben, mutig Dirn“ etc. werden mehr oder weniger zufällig über eine oder mehrere Saisonen gesammelte Fotos von Mittelalterveranstaltungen präsentiert und mit Versen im oben erwähnten Stil kommentiert. Dabei kommt auch der deutsche Humor nicht zu kurz, wenn beispielsweise aus dem berühmten Templersiegel (Zwei Ritter auf einem Pferd) über die ausgestorbene Rasse der „Langrückenpferde“ philosophiert oder über die Einführung der ritterlichen Helmpflicht durch Friedrich Barbarossa berichtet wird – echte Brüller also, wie man merkt. Positiv angetan war der strenge Rezensent, das soll nicht unerwähnt bleiben, von der Idee der Werbebanner, z.B. für den „Vatikanischen Ablass-Fond“ (sic! Es geht also offenbar um Suppe und nicht um Geldsammelstellen), nur wäre hier weniger mehr gewesen.
Wenn der Humor dann nicht mehr ausreicht, wird auch gerne zum Abkupfern geschritten, um die Seiten zu füllen – so findet sich auf Seite 54 ein mehr oder weniger eins zu eins aus „Wie man eyn teutsches Mannsbild bey Kräfften hält: Die vergessenen Küchengeheimnisse des Mittelalters“ kopiertes, nur etwas vermarktsprechtes Rezept für „Muos von Fischen“.
Freiwah als zweifelhafter Wilhelm Busch der "Marktszene"
Wenn wenigstens die Fotos außergewöhnlich wären, könnte man ja noch eine bedingte Kaufempfehlung aussprechen – sind sie aber leider nicht. Typische Markt-Schnappschüsse der deutschen Szene, von zugegebener Maßen guter technischer Qualität, wie man sie zu Dutzenden nach jedem Fest im Internet finden kann – nichts Besonderes also. Österreichische Schnappschüsse sucht man in dem Buch vergeblich, weshalb hiesige Leser auch kaum bekannte Gesichter wiederfinden würden, um einen Buchkauf zu rechtfertigen.
Unterm Strich bleibt mir leider nur übrig, die Empfehlung auszusprechen, die knapp 25 Euro besser anzulegen als in diesem Buch. In einer Amazon-Rezension dieses Buches wird der Autor Tom Freiwah, der im Übrigen bereits einen zweiten Band angedroht hat, vom Rezensenten als „Wilhelm Busch der Mittelalterszene“ gelobt. Ich finde, dass sich das der selige Autor von Max und Moritz beileibe nicht verdient hat und möchte diese meine Rezension mit einem Vers des großen Klassikers des feinen Humors beschließen: „Wenn einer, der mit Mühe kaum gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, daß er ein Vogel wär, so irrt sich der."
Bibliographische Angaben:
Ritter, Gaukler, Beutelschneider: Mittelalter im Heut'
Tom Freiwah (Autor)
Gebundene Ausgabe: 68 Seiten
Verlag: MXM Digital Service
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3942684026
Richtpreis: EUR 24,95
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