...doch stehlen können sie meisterlich!
Maritime Mini-Krimis für Seebären und Landratten
12. 5. 2010 - 7:30
Erec Lingam
"Rechtsgeschichte" stand damals auf dem Vorlesungsplan. Ohnmächtiges Gestöhn ging durch die Reihen, als der redlich aber glücklos bemühte Vortragende eine nicht enden wollende Folge von Rechtsbegriffen am Beispiel des "Strandrechts" abspulte, die ich noch nie zuvor gehört hatte und die mich in meinen frühen 20ern rasend wenig interessierten. Was sollte mich als Alpenländler ohne Meeresblick auch daran interessieren, wem eine Planke gehört, wenn sie die nächtliche Flut anschwemmt?
Längst vergessen hatte ich diese öde Episode meines Studiums, bis mich mit Jürgen Raths vergnüglichem Sachbuch "... doch stehlen können sie meisterlich!" die späte Erleuchtung in Sachen Privatrecht ereilte: Das hätte ja damals tatsächlich ein spannendes Thema voller menschlicher Bezüge sein können!
Von Treibgut und Schätzen...
Wenn Fischer sich aus dem Meer holen dürfen, was die Netze halten, warum sollten sie nicht auch sammeln dürfen, was am Rande des Wassers liegt? Nichts ist natürlicher als die Auffassung, Strandgut dürfe gesammelt und genützt werden. Treibholz brennt getrocknet so gut wie jeder andere Ast. Wie aber ist es mit einer angetriebenen Schiffskiste? Und erst mit dem Inhalt? Worin ist "Strandgut" von "Treibgut" zu unterscheiden? Was sind Funde und wie ist das mit Schätzen? Solchen, deren früherer Eigentümer sich noch feststellen lässt und und solchen, die neu erschlossen werden? Damit verbunden: Was macht eine Havarie rechtlich zum Wrack?
Unterhaltsam und vergnüglich
Jürgen Rath gelingt es, eine vergleichsweise trockene juristische Materie auf eine ganz besondere Weise darzustellen, die bei aller Fülle dargestellter Fälle und geschichtlicher Umstände immer unterhaltsam und auf das Vergnüglichste lesbar bleibt. Dramaturgisch geschickt trennt das Buch die einzelnen beschriebenen historischen Begebenheiten durch Illustrationen, spart sich bei aller Übersichtlichkeit dadurch viele sonst trennende Zwischentitel und zieht den Leser hinterrücks hinein ins spannende Geschehen.
Verschiedene glaubwürdige Perspektiven
Der Autor wechselt stilistisch immer wieder zwischen Dokumentation, Zitat und historischem Roman, lässt die Betroffenen sprechen, macht ihre soziale und politische Lage verständlich. Das verleiht den einzelnen geschilderten Konflikten die Qualität von Mini-Krimis: Vordergründig die verständlichen Bemühungen der in der Regel vergleichsweise armen Strandbewohner, möglichst wenig von den durch Wind und Wellen "geschenkten" Gütern wieder herzugeben. Im Gegensatz dazu die Maßnahmen der vergleichsweise reichen Landbesitzer, einen möglichst großen Teil der "Beute" an sich selber abliefern zu lassen.
Verständnis für alle Seiten
Dazwischen oft aufgerieben: Die Besitzer der Schiffe und ihrer Ladung, die durch Navigationsfehler, Sturm und schlechte Karten in ihrer Existenz bedroht und ihren ganzen erhofften Gewinn stranden und versanden sahen.
Dass es Rath dabei gelingt, für alle Seiten Verständnis zu erzeugen, gibt dem Leser die Chance, mit sich selbst auszumachen, welchen Interessen er sich anschließt. Und die Auflösung wird - wie bei Krimis so üblich - immer erst am Ende der Kapitel verraten.
Auch für Landratten verständlich
Die 152 Seiten voller Illustrationen und historischer Aufnahmen konsumieren sich flott, leicht und auch für Landratten verständlich. Das fehlende seemännische Vokabular lässt sich bei Bedarf nach Fußnoten und Literaturverzeichnis in einem Mini-Glossar nachschlagen. Der Zeitrahmen spannt sich dabei über 1000 Jahre Geschichte.
Genau recherchiert
Jürgen Rath legte eine knappe, genau recherchierte und vergnügliche Darstellung eines nur scheinbar trockenen Themas vor, das seit Jahrhunderten für Interessenskonflikte an allen Küsten der Welt sorgte. Es ist ein Geschenkbuch für alle Hobbyschiffer, Freizeitkapitäne, Küstenbewohner und alle, die von der großen Freiheit auf und mit dem Meer träumen.
Daten
...doch stehlen können sie meisterlich!
Über Strandungen, Strandräuber und Strandvögte
Jürgen Rath
Gebundene Ausgabe: 152 Seiten
Verlag: Koehlers Verlagsges. (19. Februar 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3782209540
ISBN-13: 978-3782209540
ca. 19,90
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