Siebtes Tucher-Spectaculum Nürnberg
Das Fest mit dem Freikampfturnier
23. 8. 2010 - 12:30
Andreas Schepetz
Bereits auf der Hinfahrt schwant mir Übles. Vom Ausserfern nach Nürnberg, schlappe 330 km sind zu fahren – und kaum bin ich hinter der deutschen Grenze – schon fängt es an zu regnen. Ach was sag ich regnen, kübeln. St. Petrus, wer aus der Mittelalterszene hat dir was getan? Mein Mitreisender Heinrich Wolfenreuth hat dazu ja seine eigene Theorie – Alan vom Felsenfluss soll Schuld sein. Ich wage das zu bezweifeln. Dann, 70 km vor Nürnberg – es klart auf. Kann es denn sein? Könnte es wirklich passieren, dass wir ein ganzes Wochenende lang schönes Wetter haben?
Ich komme an und bin geplättet. Wer Friesach kennt, weiß um die Schönheit der historischen Bauten. Doch hier in Nürnberg fluten derart viele Eindrücke auf mich ein, dass sie kaum zu verarbeiten sind. Da wäre als erstes die reinen Ausmaße der kaiserlichen Residenz, die mit schierer Größe punkten kann. Die Wehranlagen (in welchen übrigens auch das Spektakel stattfindet) haben ehrfurchtgebietende Größe. Auch der Rundgang im Gemäuer ist eine Freude für jeden wahrhaft historisch Interessierten. Der Rundgang durch Waffenkammer und Museum lässt mich staunend zurück – immer wieder bin ich fasziniert, mit wie viel Einfallsreichtum unsere Altvorderen sich gegenseitig ans Leder wollten. Aber auch die Altstadt von Nürnberg ist eine Augenweide. Der Albrecht-Dürer-Platz ist umgeben von Fachwerkbauten, man könnte meinen, einen Zeitsprung gemacht zu haben. Insgesamt wurde hier viel Liebe – und mit Sicherheit auch eben soviel Geld in die Erhaltung der Altstadt und der kaiserlichen Residenz gelegt. Man merkt, die Nürnberger sind sehr stolz auf ihr historisches Erbe und erhalten sich diesen Tourismusmagneten.
Zuerst, dem Wetter entsprechend, trübe Stimmung
Zelt aufgebaut – und dann harren wir der Dinge, die da kommen mögen. Aber es wäre zu schön – und irgendwie ist Heinrichs Theorie zumindest nachvollziehbar – kaum ist Alan da, fängt es an zu regnen. Und hört auch nicht mehr auf. Donnerstag Abend noch leicht zu nennen, überschwemmt uns der Regen am Freitag direkt. Seenbildung und Zelt unter sind Standard. Im Marktbereich fangen einzelne Markthändler die Angeln zusammen zuschrauben an – sie hoffen, wenn schon die Besucher ausbleiben, zumindest die eine oder andere Forelle zu fangen. Schlussendlich regnet es am Freitag dermaßen viel, dass das gesamte Fest für den Freitag abgesagt wird – wirklich schade. Auch das Turnier, für Freitag mit zwei Stunden eingeplant findet nicht statt. Keiner von uns ist wie Weiland Jesus mit der Begabung ausgestattet, über Wasser zu laufen. Allgemein trübt sich die Stimmung ein.
Samstag: Turnierstart
Samstag morgen: Es hat allen Ernstes aufgehört zu regnen. Zwar zu spät für die meisten – wirklich trockene Sachen hat kaum jemand mehr vorzuweisen, aber das Fest scheint gerettet. Pünktlich elf Uhr beginnen die Vorrunden des Turnieres – aus den versprochenen 6 Kämpfen für jeden sind nun mindestens zwei geworden – Jeder gegen Jeden wurde gestrichen und durch KO-System ersetzt.
Während wir uns gegenseitig in die Rüstungen helfen, beginnen sich die Ränge rund um die Arena zu füllen – und was als dünner Faden von Leuten begann bedeckt nach wenigen Kämpfen bereits den gesamten umstehenden Bereich. Mag auch daran liegen, dass das Turnier sehr showlastig inszeniert wurde. Eigene Einzugsmusik, König und Königin halten den Vorsitz, Gaukler Jarolo animiert die Zuschauer. 14 Kämpfer sind bereit sich zu messen.
Der Redakteur bezieht Prügel
Gleich mein erster Kampf – und auch der erste im Turnier zeigt mir auf, wie viel ich noch zu lernen habe, bis ich von Schwertkampf reden kann. Alexander aus Nürnberg erteilt mir eine sehr deutliche Lektion. Auch wenn ich unter meinem Helm anständig Luft gekriegt hätte, wäre der Ausgang nicht anders gewesen. Deklassiert und mit etwas mehr Demut gegenüber dem Handeln und Tun der Kämpfer ausgestattet, hechle ich mich vom Platz um einige sehr spektakuläre Kämpfe zu beobachten. Alan vom Felsenfluss wird recht schnell als einer der Favoriten angesehen – dieser Kämpfer hat sich in den letzten Jahren bereits in anderen Turnieren mit seiner konstanten Leistungssteigerung einen Namen gemacht. In Kaprun nur ganz knapp am Sieg vorbeigegangen ist für ihn in Nürnberg die Krone zum Greifen nahe.
Angenehme Temperaturen machen es uns Kämpfern zumindest wettermäßig nicht zu schwer. Auch die Besucher, im Speziellen sehr viele Familien mit Kindern nutzen das gute Wetter für einen Ausflug zum Tucher-Spektakel. Auch waren sicher die niedrig gehaltenen Eintrittspreisegerade für Familien ein Anreiz.
Der Tucher-Ritter gibt Autogramme
Tucher, eine lokale Bierbrauerei nutzt das Spektakel natürlich für Promotion der eigenen Produkte, womit ich bereits bei einem der Kritikpunkte des Festes angelangt bin. Die Brauerei Tucher hat sich einen Programmpunkt ausgedacht, der so überhaupt nicht zu dem Ambiente passen will. Chris der Tucher-Ritter unterschreibt am Markt ausgelegte Autogrammkarten. Die Idee ansich wäre ja nicht schlecht – aber es scheint mir doch etwas weit her geholt, jemanden eine Rolle spielen zu lassen, wenn ich gleichzeitig auf einen Sieger aus dem Turnier zurückgreifen könnte. Ein Kämpfer, dessen Ausrüstungsstand sich so dermaßen über dem vom Ritter Chris befindet. Warum nicht den Sieger des Turnieres Autogramme verteilen lassen? Warum nicht sein Konterfei verwenden – das Konterfei von jemandem, der sich in hartem direktem Kampf bewiesen hat?
Feiner Markt, doch wo sind die Waffen?
Allgemein betrachtet, war der Markt recht ausgewogen. Gefehlt hat definitiv ein Rüstungs- bzw. ein Waffenhändler am Markt. Der eine oder andere Kämpfer hätte sicher seine Talerchen dort gelassen. Auffallend war das umfangreiche Angebot an A-Ware. Fast jeder Stand konnte genau belegen, nach welchen Vorlagen die verschiedenen Produkte gefertigt wurden. Und auch das umfangreiche Angebot für Kinder war gefällig. Man merkt dass hier wirklich auch an die Kleinen gedacht wurde. Eine eigene, recht groß gestaltete Spielwiese mit zig verschiedenen Geschicklichtkeitsspielen, ein Handkarussell, dass sich trotz meiner ersten Bedenken als absolut tauglich für den Markt erwiesen hat sowie viele Händler, die kinderspezifisch ohne Obulus Aktionen angeboten haben, machten es für Kinder wie auch für Ihre Eltern zu einem Erlebnis.
Nürnberger Bratwürste
Gastronomisch war das Fest recht gut bestückt. Natürlich durften die berühmten Nürnberger Bratwürste nicht fehlen – und insgesamt hatten sich die Händler auch wenn sie von Auswärts kamen, auf die lokalen Leckereien spezialisiert. Bier, Wein und Met in zig verschiedenen Varianten und Qualitäten fanden guten Zuspruch beim Publikum. Auch die moderaten Preise bei der Versorgung waren absolut familienfreundlich.
Die ewige Debatte
Hin und wieder ist die Dummheit so mancher Zeitgenossen erschreckend, in Nürnberg sorgte sie eher für Schmunzelei. Fast jeder im Bereich der kämpferischen historischen Darstellung kennt die Situation – egal aus welchem Lager er kommt: Ob Schaukämpfer, Codex Belli, Huscarl... - es gibt immer Zuseher, die sowieso alles besser wissen und ja nur deshalb nicht mitmachen, weil sie einen ja umbringen wüden mit ihrem absoluten Können im Schwertkampf. Nun sorgt dieses Verhalten normalerweise unter den Beteiligten höchstens für ein Lachen – doch waren in Nürnberg einige sehr beratungsresistente Personen zugegen, die mich, aber auch andere über Stunden hinweg immer wieder zutexteten, wie gerne sie doch zeigen würden, wie unglaublich gut sie im Schwertkampf sind. Dies aber nicht zeigen können weil, oh weh, der kleine Zeh zwickt. Aber man könne ja soo froh sein, denn würde man zeigen was man könnte, würde man ja die Leute einzeln zu Schaschlik verarbeiten. Ich könnte wenn ich wollte, ich wollte wenn ich könnte. Wir alle, egal zu welchem Lager wir uns zählen, zeigen gegenüber anderen Richtungen im Schwertkampf immer Respekt, manchmal weniger, manchmal mehr. Umso nerviger sind derartige Standup-Philosophen, die auf jeden Einwand mit einer Ausrede reagieren. Sich aber als Übermenschen mit Mordtendenzen präsentieren.
Finalrunde mit Gewitter
Kaum ist es einen Tag lang schön, muss es regnen. Es ist dieses Jahr echt zum Verzweifeln. Aber "Mittelalter bei Schönwetter – das kann jeder". Das es gerade in der Finalrunde aber zu einem Gewitter kommen musste, ist irgendwie für diese Saison bezeichnend. So wurde die Finalrunde zu einem sehr nassen Event und die nachfolgende Preisverleihung musste verschoben werden. Nun hält ein Markt ein Gewitter durchaus aus. Mehrere starke Regengüsse hintereinander sind aber meist der Tod für den jeweiligen Tag. Und so erging es auch den Veranstaltern in Nürnberg. Drei bis viermal so viele Leute hätten den Sonntag Abend am Fest ausklingen lassen können. Doch das Wetter vertrieb sie vom Gelände.
Turnierorganisator Valentin Zerr
Valentin Zerr, bekannt als eine schillernde Person in der Schwertkampfszene (ehemals: 'Garin') hat mit diesem Turnier neue Maßstäbe gesetzt. Nicht nur die sehr professionelle Abwicklung, sondern auch die Showlastigkeit und Liebe fürs Detail begeisterten Kämpfer wie auch Publikum. Zusammen mit seinen Partnern vom Bund des Phönix, sowie Ruth und Mario von Aries Scutum gelang es ihm, ein sportliches Turnier massentauglich zu verkaufen. Die Leistung verdient Respekt. Ganz besonders gehört aber hier auch die Leistung der Leute vom Bund des Phönix hervorgehoben. Ständige Betreuung der Kämpfer, dreimal täglich Essen und Getränkeversorgung ohne Limit sowie ein ehrlich freundliche Art sind nicht selbstverständlich. Einige andere Veranstalter werden hier zu knabbern haben, wenn sie diesen Standard erreichen wollen. Einziger Wermutstropfen: Für das nächste Jahr wäre eine stärkere Präsenz von Sanitätern wünschenswert und gerade im Backstage-Bereich der Arena mehr Übersicht vonnöten. Zwar ging das Turnier ohne gröbere Verletzungen ab. Hier ortete ich aber durchaus noch Potential für Verbesserungen, sollte denn wirklich mal etwas ernsteres passieren. Übrigens scheint sich der Standard der doppelten Arena-Absperrungen langsam durchzusetzen.
Die Sieger
Als Patriot hatte ich eigentlich schon all mein Geld auf Alan vom Felsenfluss gesetzt, der mit seiner Turnierleistung wahrhaft dafür sorgte, dass er von allen Teilnehmern als Favorit gesehen wurde. Im Finale unterlag er dann aber sehr knapp Alexander aus Nürnberg und teilte sich mit Roman aus Münster den dritten Platz. Zweiter wurde Charlie aus Hamburg. Graf Benedikt von Bentzel ehrte dann im Anschluss alle Teilnehmer. Es scheint, den Nürnberger bereitet der Schwertkampf besondere Freude. Denn trotz des gerade vorbeigezogenen Gewitters waren sehr viele Gäste bei der Preisverleihung anwesend.
Fazit
Nürnbergs Tucher Spectaculum ist für den Interessierten sicher eine Reise wert. Insbesondere die extrem gute Anbindung an die Autobahn macht es auch für uns Österreicher zu einem nicht nennenswerten Aufwand, dieses Fest zu besuchen. Auch ist noch genug Platz für mehr Lagergruppen vorhanden, sodass man auch als Gruppe eine Teilnahme mit eigenem Lagerleben durchaus überlegen könnte. Persönlich habe ich definitiv Blut geleckt – und einiges an Demut gelernt.
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