Mittelalterfest am Georgenberg in Enns
Der Verein Civium Anasi sorgt für Gemütlichkeit
28. 8. 2010 - 09:00
Florian Machl
An einem Wochenende, das gleich mehreren wichtigen Feste - wie Golling - als Termin dient, findet auch in Enns von Freitag, dem 27. bis Sonntag dem 29. August ein Mittelalterfest statt. Veranstalter ist der ambitionierte Verein Civium Anasi, der diesen Versuch bereits zum zweiten Mal wagt. Der Besucher findet Ruhe und Gemütlichkeit in einer ebenso ruhigen aber auch ambienteträchtigen Lage vor.
Der große Gegenspieler der heurigen Saison sind abwechselnd Meteorologen und das Wetter selbst. Das Fest in Enns begann mit Glück, zwar war der Aufbau von starken Windböen und Regengüssen begleitet, doch pünktlich zum späten Festbeginn um 19:00 zeigte sich ein klarer Himmel mit interessanten Wolkenformationen und einigen Sonnenstrahlen. Als Festgelände dient der ausgesprochen gepflegte Schlosspark Ennsegg, vor der Kulisse des modern sanierten gleichnamigen Schlosses.
Den Markt gab es schon im Mittelalter
Auf der professionell wirkenden Homepage des Vereins
Civium Anasi wird darauf hingewiesen, dass diese Fläche schon in historischen Zeiten als Markt genutzt worden sei. Enns war dem gemäß im 12. Jahrhundert eine zentrale Drehscheibe im europäischen Handel. Für den Schiffsverkehr auf der Donau wurden hier Zölle eingehoben. Der Jahrmarkt dauerte damals bis zu zwei Monate. Mit wenigen Ausnahmen mussten alle Schiffe, die nach dem 25. März die wichtige Wasserstraße befuhren, ankern und ihre Waren am Markt anbieten. Der (bewegliche) Endtermin, der Pfingstsamstag, war spätestens der 12. Juni.
Geschichtliche Hintergründe
Enns bezeichnet sich übrigens gerne als älteste Stadt Österreichs, was allerdings umstritten ist. St. Pölten erhielt das Stadtrecht 1159, Enns eigentlich erst 1212. Als älteste privilegierte Stadtansiedlung wird Magdalensberg angesehen. Doch das sind Details - die Stadt ist vor allem auch aufgrund der bedeutenden Funde und Baureste aus der Römerzeit eine Reise wert. Der markante Stadtturm stammt übrigens aus dem 16. Jahrhundert. Die Enisiburg auf dem Georgenberg stammt hingegen aus der Jahrhundertwende vom 9. zum 10. Jahrnundert und diente als Bollwerk gegen die Ungarn. An dieser steht das heutige Schloss Ennsegg, das im Hintergrund des Markttreibens zu sehen ist. Dort wurde im Übrigen 1186 die
Georgenberger Handfeste ausgestellt, ein Staatsvertrag der in weitere Folge die Vereinigung der Steiermark mit Österreich regelte.
Das Jahr 1212
Wie aus den nur angeschnittenen Informationen erkennbar ist, sind historische Bildung und Enns untrennbar miteinander verbunden. An diesem Ort historische Feste zu feiern, erscheint dem Geschichtsbegeisterten als Muss. So sieht man das wohl auch im Verein
Civium Anasi - Ennser Bürgerschaft, der sich der Zeit um 1212 (Stadtrechtsverleihung) widmet. Das Vereinswappen entspricht dem Stadtsiegel aus dieser Zeit. Der Verein ist noch sehr jung an Jahren, gegründet 2008, was sich einerseits an der noch am Anfang der Darstellung befindlichen Ausrüstung ausdrückt, andererseits aber in ungebrochener Energie und Gestaltungswillen zeigt.
Vernünftiger Einsatz vorhandener Mittel
Das erste Element der überschaubaren Wiesenfläche des Veranstaltungsareals wird von der Gastronomie des Veranstalters gebildet, die den Mitteln entsprechend liebevoll dekoriert wurde. Überraschenderweise zeigte sich der Gastgarten schon in den ersten Stunden bis zum letzten Platz gefüllt. Da der Eintritt frei ist, bleibt zu vermuten, dass sich das Fest aus Sponsorengeldern und den Einnahmen der Gastronomie finanzieren muss. Dies schlägt sich in höchst bodenständiger Programmgestaltung nieder, was angesichts verschleuderischen Mittbewerbs der ohne finanzielle Deckung zu arbeiten pflegt, höchst positiv anzuerkennen ist. Man hat in Enns verstanden, was bei sauberer Rechnung machbar und möglich ist - und macht das Beste daraus.
Steckstuhlritter
Zur Linken befinden sich am Gelände die Lagergruppen, wobei die Auswahl sich durchgehend in den Bereich der Steckstuhlritter einreihen lässt. Im Bereich der Authentizität - falls man sich in Richtung Geschichtsvermittlung entwickeln will - ist hier noch viel Potential nach oben offen. Dennoch sollte man das Engagement der Darsteller nicht schmälern, sie hatten sichtlich ihren Spaß, gestalteten die Veranstaltung nach Kräften und boten eine nett anzusehende Kulisse bei Markteröffnung, Fackelzug und Feuershow.
Das Kind brennt... nicht.
Die Feuershow, gestaltet vom aufmerksamen Lesern alt bekannten Franz Wieser und seiner Familie, war unbestreitbar ebenso nett anzusehen, allerdings nach wie vor von der gewohnten Verantwortungslosigkeit begleitet. So trat selbstverständlich wieder der minderjährige Sohn mit Feuer auf, was in weiterer Folge fast zu einem Unfall führte. Glücklicherweise setzten die verknoteten Seile, die am Rücken des Jungen hängengeblieben waren weder dessen Kleidung noch Haare in Brand, geschwind und professionell befreite er sich aus der Situation. Weshalb es unbedingt notwendig ist, sich über die hohe artistische Leistung des Kindes zu definieren, kann nicht gesagt werden. Nach wie vor steht die Aussage der oberösterreichischen Landesbehörde im Raum, dass ein Kinderauftritt mit Feuer vor Publikum undenkbar ist und sicher niemals genehmigt werden würde. Weiterführende Informationen finden sich für Interessierte hier:
Huscarl Artikel
Abendromantik
Trotz dieses Wermutstropfens und einem Programm, dessen Punke man im Prinzip an einer Hand abzählen kann, entwickelt der Ort und das Treiben einen angenehmen Zauber. Auch wenn veranstalterseitig am Freitag noch keine Musik eingeplant war, erklingen zauberhafte Klänge - zum einen vom stimmgewaltigen Meister Kolk, er ist im Gefolge der Taverne zum Wilden Wikinger angereist, der hier zum letzten Mal mit seinem Mokkazelt auftritt. Dieses steht nach wie vor zum Verkauf:
Huscarl Artikel. Zum anderen verzaubert Irmi Bleibinger, die Töpferin, mit ihrer Instrumentalkunst, wann immer dafür Zeit bleibt. Die Gastronomie wurde von Isis Spezereyen komplettiert, ein Platz besonders angenehmer Stimmung, da ab Sonnenuntergang rundum brennende Lichter positioniert waren. Besonders die Abendstimmung spricht für den kleinen Handwerks- und Händlermarkt, der durch unaufdringlich-romantische Beleuchtung punktete. Noch nicht in Betrieb war Gabys Mäusebäckerei, das neueste Projekt der ehemaligen Mokkazeltbetreiberin.
Händler- und Handwerkswiese
Ein überraschend stimmiges Bild ergibt der Schmiede-Stand von Hufschmied Christoph Küllinger aus dem Mostviertel, der uns bislang noch nicht bekannt war. Gewohnt hohe Qualität und Freude an historischem Handwerk sind beim Stand von Drakoschneck zu sehen, vermutlich der Stelle wo man die meiste authentizität des Marktes verorten kann. Insgesamt ist der Markt eine Mischung aus höchster und bescheidenster Qualität, was die Anbieter anbelangt. Die für keine Darstellung entbehrlichen authentischen Gläser aus tschechischer Fertigung (Hanaglass) oder genannter Haferlmacherei finden sich neben so genanntem "Kunsthandwerk aus dem Reich der Inka" und dem bereits in Rechberg aufgefallenen zuckergepantschten Honig, auch genannt "Erlesenste Honigspezialitäten aus der Honigstube Gaida". Doch gleichzeitig mit Golling durchgehend hochqualitative Händler zu finden, ist sicherlich eine schwierige Aufgabe, die im nächsten Jahr wieder ganz anders aussehen kann.
Kommende Entwicklungen
mit Spannung und Vorfreude beobachten
Fazit: Wer nicht besonderen Wert auf Authentizität und Geschichtsvermittlung legt, wird in Enns mit Familie und Freunden ein paar schöne Stunden verbringen können - sofern das Wetter auch am restlichen Wochenende hält. An den restlichen Tagen gibt es Musik von Schulmeyster und Gefolge. Als regelmäßiger Besucher von Mittelalterfesten schreit die innere Stimme nach einer Steigerung in allen Belangen, die hier aber auch zu erwarten ist. Nach Eigendefinition dienen die Feste momentan einem Aufbau, der sich im großen Jubiläumsjahr 2012 bezahlt machen soll. Dafür sprechen auch die höchst humanen Standgebühren in der Höhe von 40 Euro. Wem es leicht fällt, den Markt mit seinem Besuch und einer kleinen Konsumation zu unterstützen, dem sei dies ans Herz gelegt - denn an diesem, für eine Veranstaltung perfekten Ort, ist so viel mehr möglich, dass jegliche Förderung gut angelegt ist. An den Bemühungen von Civium Anasi sieht man, dass jeder Euro in gute, bemühte Hände kommt. Streng sein kann man immer noch im Jahr 1212, wo man dann durchaus erwarten kann, dass man als Besucher auch die geschichtlichen Inhalte vermittelt bekommt - im Sinne eines Bildungsauftrages, der in dieser Stadt als Verpflichtung erscheint.
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