Eine Woche Mittelalter in Friesach
28. 8. 2010 - 11:30
Martina Goldenberg, Simone Huber
Alles neu und größer und länger beim Spectaculum Friesach: neuer Ort, umfangreiches Workshop-Programm und ein ebenso umfangreiches Programm am und um das Festwochenende setzen neue Maßstäbe für ein rundum gelungenes Mittelalterfest.
Friesach ist nicht nur ein idealer historischer Ort, um ein Mittelalterfest zu veranstalten, man spürt auch das Engagement und die Freude an der eigenen Geschichte im gesamten Ort. Allein das Stadtzentrum ist einen Besuch wert – einige bauliche Juwelen aus dem Spätmittelalter und der Renaissance sind zu bewundern. Oberhalb der Altstadt thronen die Ruinen der Burg Friesach sowie der Kirchenruine Virgilienberg und der historischen Wehranlage und am Rand von Friesach entsteht gerade ein großartiges neues Bauwerk: die Friesacher bekommen eine neue Burg! In einem historischen Experiment wird eine historische Burg mit ausschließlich mittelalterlichen Handwerkstechniken erbaut. Das Projekt, momentan im zweiten Jahr, ist auf 30 Jahre konzipiert und wird vom Land Kärnten und der EU finanziert und vom AMS Kärnten durch Arbeitskräfte unterstützt. So arbeiten über 20 Personen in regulären Arbeitsverhältnissen im 7-Tage-Schichtbetrieb auf der Baustelle, die momentan eine Schmiede, Stallungen, einen Backofen, Wasserleitungen, eine Sägestation und eine Hütte zur Holzverarbeitung umfasst. Momentan ist der Eintritt gratis, ab dem nächsten Jahr wird ein umfangreicheres Führungsprogramm gegen Eintritt geboten, um das Projekt zumindest teilweise aus Eigenmitteln finanzieren zu können.
Viele bunte Workshops
So aufgeschlossen, wie Friesach für historische Forschung ist, verwundert es nicht, dass die Stadt um das traditionelle Mittelalterfest herum ein umfangreiches Programm bietet: schon ab Montag vor dem Fest konnte man allabendlich im Vortragsaal des Rathauses interessante Vorträge hören, ab Mitte der Woche vor dem Fest wurde eine Vielzahl an Workshops angeboten. In einem Bogenbauworkshop unter der Leitung von Arno Maurer im Werksaal der Hauptschule von Friesach konnte ein mittelalterlicher Langbogen aus Eschenholz (gesponsert vom Friesacher Mittelalterverein) selbst angefertigt werden. 14 Teilnehmer nutzen die Gelegenheit, gegen einen kleinen Unkostenbeitrag einen Bogen und die dazugehörende Sehne sowie auch Pfeile herzustellen.
Erstmals fand auch ein Plattnerworkshop statt – unter der Leitung des lokalen Spenglermeisters Friedrich Reimbold und Assistenz von Wolfgang Putz von Dreynschlag/Eulenspiel. Friedrich Reimbold stattet bereits seit vielen Jahren den Friesacher Ritterverein aus und stellte für den Workshop seine Werkstatt zur Verfügung. Vier Teilnehmer bekamen von Wolfgang Putz eine umfangreiche Einführung in die historische Kunst des Plattnerns und konnten anschließend (aus Zeitgründen maschinell unterstützt) historische Schulter- und Achselteile herstellen.
Hochkarätige Workshops
Komplett mit Handarbeit kam der Nähtechnik-Workshop von Dr. Katrin Kania aus Erlangen. Kleidungstechnisch interessierten ist sie keine Fremde mehr – sie hat das großartige Buch "Kleidung im Mittelalter: Materialien - Konstruktion - Nähtechnik. Ein Handbuch", das erst kürzlich erschienen ist, geschrieben. In einem zweitägigen Workshop zeigte sie 14 interessierten Teilnehmerinnen verschiedene Nähtechniken. Hier konnte tatsächlich jeder noch etwas lernen – welche Naht wird auf welchem Material verwendet? Wie werden die Kleider verschiedener Funde zugeschnitten? Daneben erklärte Dr. Kania auch noch viele andere Handarbeitstechniken des Mittelalters – beim Netzen, Brettchenweben, Nestelbänderherstellung, Goldstickerei und vielem mehr konnte man bei ihr die neuesten Erkenntnisse aus den europäischen Funden erfahren.
Insgesamt kann dem Workshop-Programm ein riesiges Lob ausgesprochen werden – es stellt eine große Bereicherung des Mittelalterfestes dar und ist zugleich ein großer Anreiz, vor dem Fest ein paar Tage Urlaub in Friesach einzulegen. Vor allem die Gratis-Teilnahmemöglichkeit für Darsteller des Festes muss extra hervorgehoben und gelobt werden.
Das Ambiente
Das Spectaculum Friesach startete am Freitag mit einem abendlichen Umzug und anschließender, feierlicher Eröffnung. Die größte Neuerung 2010: das Spectaculum findet erstmals nicht mehr in der friesacher Innenstadt statt, sondern auf dem Gelände des Dominikanerklosters Friesach. Diese Änderung wurde mit überwiegender Mehrheit sowohl vom Publikum als auch von den Darstellern als positiv begrüßt – das Gelände ist bei weitem groß genug, sehr grün und "zivilisationsfrei" (sodass abends, bis auf ein paar Unverbesserliche aus der Gastro, komplett auf elektrisches Licht verzichtet werden konnte). Der einzige Negativpunkt, der von Künstlern genannt wurde, war das Fehlen der "Laufkundschaft", die in der Stadt oft für einen vollen Platz vor der Bühne gesorgt hatte. Die fehlte, da man ja am Eingang zum Gelände Eintritt zahlen musste, natürlich völlig. Dem Publikumszustrom dürfte das aber keinen Abbruch getan haben, bereits am Samstag war von mehreren tausend Besuchern die Rede.
Als Währung gab es am gesamten Gelände den "Friesacher Pfennig", der in den Wechselstuben an den Eingängen eingetauscht werden konnte. Eine sehr nette Idee, die sich nur bei Einkäufen jenseits der 100 Euro aufgrund des 1:1- Wechselkurses als schwergewichtig herausstellte...
Umzug und Marktsprech
Doch zurück zum freitäglichen Umzug: dieser machte bereits einen der wenigen, großen Kritikpunkte an diesem Fest offensichtlich: in der Umgebung von Friesach existiert offensichtlich eine ganze Handvoll von Mittelaltervereinen von teilweise schon beachtlichem Alter. Dass der Level an "Faschingsrittern" trotzdem so unglaublich hoch ist, kann nur einer beachtlichen Beratungsresistenz zugeschrieben werden. Oder liegt es doch an der Nähe zum Villacher Fasching? Dabei demonstriert doch die Kärntner Vereinsszene auch das genaue Gegenteil mit einer Handvoll qualitativ wirklich hochwertiger Darstellervereine, die am Spectaculum auch vertreten waren. Nur die "Heimspieler" überzeugten leider in ihren Faschingskostümen kaum – schade für eine Stadt mit einem so großartigen historischen Hintergrund. Auch die wohl gemeinte Idee, Pferde einzusetzen, konnte leider nicht überzeugen – zu gefährlich waren die Manöver der Tiere, die offensichtlich kaum von ihren Reitern kontrolliert werden konnten, in der Menschenmenge am Festplatz.
Und da auch im Fall der Beschwerden alle guten Dinge 3 sind, muss auch noch das "Marktsprech-Diktat" erwähnt werden. Aufmerksame Lagergruppen, welche die an sie ausgehändigten Lagerregeln auch wirklich lasen, mussten mit Entsetzen folgenden Passus lesen: "Sie sprechen Ihre Kundschaft mit mittelalterlichem Gruß und Redewendungen an. Einige Beispiele: Gott zum Gruße, Seid gegrüßt, Habet Dank". Die Regeln wurden vom örtlichen Verein rundum vorgelebt in Form von exzessiver Marktsprech-Nutzung. Es mag sein, dass eine solche Sprechweise immer noch von vielen Marktbesuchern wie auch Veranstaltern als "ambienteschaffend" empfunden wird, für einen Darsteller, der sich der ernsthaften Darstellung verschreibt bringt ein solches Diktat aber hauptsächlich Ohrenschmerzen und Magengeschwüre.
Der Umzug führt nach einer kleinen Runde um das Kloster schließlich zum Festplatz, wo das Fest in einem feierlichen Akt eröffnet wurde. Eine sehr nette Idee war das Nachspielen der Ereignisse rund um die urkundliche Erwähnung der Stadt Friesach. Neben den üblichen Reden diverser Politiker und lokaler Persönlichkeiten erwies sich eine zu einem Vortrag über mittelalterliche Heilkunst ausufernde Rede des Direktors des Kärntner Landesmuseums als Prüfung für die zahlreichen Darsteller.
Lob an die Organisation
Es sollte aber die einzige bleiben – die Darstellerbetreuung in Friesach verdient nur Lob, und zwar in großen Mengen. Die Darsteller wurden freundlich betreut, die sanitären Anlagen waren gut und sauber, bezahlt wurde pünktlich und vertragsgetreu und auch sonst gibt es rundherum nichts zu beklagen. Ein Lichtblick für jeden Darsteller!
Darsteller und Lager
Während die lokalen Darstellergruppen am "Hauptgelände" rund um den Festplatz lagerten, wurde auswärtigen Darstellergruppen eine eigene Lagerwiese zur Verfügung gestellt. Um ein paar der Lagernden zu erwähnen: Eulenspiel, Turba Ferox, Soldknechte Compania Carantania, Vita Mercato - viele bekannte Gesichter waren auf der Lagerwiese zu entdecken.
Überlegenswert ist die "Bitte nicht füttern" - Absperrung, die alle Lager mit Ausnahme des Eulenspiel-Lagers umgab. Das führte zwar zu extrem erhöhtem Gästeaufkommen im Eulenspiel-Lager, was aber bei einem so interessierten und höflichen Publikum, wie es in Friesach gefunden werden kann, keinerlei Belastung darstellte.
Lobenswert zu erwähnen ist auch die Einsatzbereitschaft des Kärntner Vereins "Bundeslade - Die Getreuen zu St. Veit" für gute Zwecke. Nach einem Plausch im Lager von Vita Mercato organisierten die Mitglieder der Bundeslade spontan einen Schaukampf, um das Kärntner G´sindl mit Hutgeld und auch selbst gespendeten Pfennigen für die St. Anna Kinderkrebsfoschung zu überraschen.
Das Programm
So aufwendig wie die gesamte Organisation zeigte sich auch das Programm: jeder Musikgeschmack innerhalb des Mittelalterrepertoirs wurde bedient – von Freunden lauter und schneller Töne, die von den Schandgesellen bespielt wurden, über tanzfreudige Klänge der Gruppe Tanzebôm bis hin zu den ruhigen, leisen Tönen des Mittelalters in Form von Nornensanc. Fanfarenbläser aus Friesach rundeten das Musikprogramm ab.
Fast durchgehend konnte man sich am Festplatz unterhalten lassen: Tänze mit Eulenspiel, Theaterstücke, Gerichtsverhandlungen, Feuershow und eine beeindruckende Feldschlacht ließen keine Langeweile aufkommen. Auch auf der - hinter dem Kirchenschiff etwas versteckten - Commedia-Bühne wurde einiges geboten, von Musik über Theater bis hin zum allerliebst vorgetragenen Marionettenspiel von Luitpold dem Fadenrihen und seiner bezaubernden Partnerin, das sämtliche Kinderaugen leuchten ließ.
Kinderfreundliches Spectaculum
Das Spectaculum 2010 zeichnete sich als besonders kinderfreundlich – durch das übersichtliche, sichere Gelände und ein riesengroßes, abwechslungsreiches Kinderprogramm vom Kindertjosten über Blumenkranzbinden und Mäuselabyrinth bis zum Drachenpuzzle. Kinder waren auf jeden Fall den ganzen Tag über beschäftigt, um alles zu erkunden! Aber auch die älteren Semester kamen nicht zu kurz – eine große und recht bemühte Gastro mit vielen lokalen Spezialitäten, ein großer Markt mit vielen gut ins Ambiente passenden Händlern und eine Vielzahl an interessanten Handwerkern machten eine Reise rund um das Festgelände zum Erlebnis.
Gelungenes Fest mit Vorbildcharakter
Über ein gelungenes Fest in einem so großen Umfang wie das Spectaculum Friesach könnte man Seite um Seite füllen – um es trotzdem kurz zu sagen: ein Fest mit Vorbildcharakter. An ein paar Kleinigkeiten könnte man noch feilen, das ändert aber nichts daran, dass man hoffen darf, dass das Gelände vom Dominikanerkloster auch im nächsten Jahr wieder zur Verfügung gestellt wird, um dieses großartige Fest wieder stattfinden zu sehen!
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