Gagen, Löhne, Gier
Rund um das liebe Geld in der Mittelalterszene
13. 6. 2010 - 14:00
Florian Machl
In der kommenden Radiosendung, die am 15. Juni ab 19:00 gesendet wird, geht es um ein heikles Thema. Die Mittelalterdarstellung ist für viele ein schönes Hobby. Betreibt man dieses ernsthaft, geht es schnell ins Geld. Für andere sind Mittelalterfeste das Umfeld, in dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Seien es Künstler, Händler oder Veranstalter. Sobald es um Geld geht, hört meistens der Spaß auf. Viele Dinge verlieren ihre "Unschuld" und "Harmonie", die Szeneeinsteiger nur zu gerne in allen Dingen vermuten würden. Wenn es um die gerechte Bezahlung geht, beginnt es schneller zu menscheln, als bei sonst irgendeinem Thema. Und geht es um das finanzielle Überleben, wird so mancher auch einmal ungemütlich.
Das Thema ist vielfältig und erscheint schier endlos zu sein. Anhand einer Gliederung in die verschiedenen Perspektiven der unterschiedlichsten Beteiligten, soll hier zunächst ein Überblick und eine Themensammlung angeboten werden. Welche Teile zur Sprache kommen und in welchem Detail, werden die Radiosendung und ihre Telefongäste zeigen.
Der Veranstalter
Bei Mittelalterfesten hat sich besonders in jüngster Zeit erwiesen, dass das Veranstalterdasein alles andere als eine sichere Bank ist. Im Gegenteil, Wetterrisiko, hohe Gagen, großer Aufwand und beachtliche Werbekosten machen das Veranstalterleben zu einem Risiko. Ein Mittelalterfest ist eben keine fix kalkulierbare "Zeltgaudi" wo jedes Jahr alles nach demselben Schema abläuft und auch im Falle eines Unwetters kaum Ausfälle zu befürchten sind. Erfahrene Qualitätsveranstalter bangen Jahr für Jahr darum, dass die Investitionen zurückkommen. Andere rechnen gleich fix mit einem Defizit, weil ihr Fest als Umwegrentabilität für Gemeinde und Umland gedacht ist.
Ein Gleichsetzen "aller Veranstalter" oder "aller Veranstaltungen" ist völlig unzulässig, weil hinter jedem Fest eine andere Strategie, ein anderes Team und ein anderes Budget steht. Die Strategie kann erwähnte Tourismuswerbung sein, ein Gemeindejubiläum das es zu feiern gilt, der Wunsch ein eigenes "schönes Fest" zu veranstalten - oder auch der Wunsch nach möglichst großen Gewinnen. Der angegebene Grund für eine Veranstaltung muss sich dabei nicht wirklich mit den tatsächlichen Plänen decken. So mancher versprach schon ein Bildungsfest und zeigte nur billige Fantasy.
Glücklicherweise - und das macht die Mittelalterszene einzigartig - dezimieren sich die nicht ganz so ehrlichen Veranstalter von selbst. Wer bei den Gagen betrügt und auf fremde Kosten und auf fremden Einsatz Gewinne machen will, verliert dank Medienberichterstattung und Mundpropaganda nur zu rasch den Boden unter den Füßen. Die Ausnahme bilden hier nur Großveranstalter mit entsprechendem Startkapital, denen Meinungen und Befindlichkeiten "der Szene" herzlich egal sein können, was auch entsprechend Jahr für Jahr demonstriert wird.
Der Künstler
In Österreich sind sowohl in den Bereichen der Musik als auch der Gaukelei selbständige Künstler unterwegs, die versuchen, im Rahmen der Mittelalterszene genügend Geld zum Überleben zu verdienen. Dies gelingt manchmal mehr schlecht als recht, aber doch. Hier nur auf ein Pferd zu setzen, ist ein gewisses Risiko, denn der in Österreich ständig wachsende Beliebtheitsgrad des Themengebietes "Mittelalter" wird irgendwann auch wieder eine Flaute erleben. Wer hier sein Geld verdient, ist finanziell verwundbar, denn nur ein Gagenausfall durch einen betrügerischen Veranstalter - aber auch ein eigener Krankheitsfall oder dergleichen mehr, wirken sich massiv am Kontostand aus.
Während Hobbyisten ihren Lebensunterhalt anderswo bestreiten und ein Ausfall nicht den Weltuntergang bedeutet, heißt es für die Professionisten oft zu bangen. Dies resultiert manchmal auch in Gagenforderungen, die Veranstaltern erhöht vorkommen und dies trotz allen Risikos teilweise auch sind. Zusätzlich spitzt sich die Problematik zu, wenn findige Köpfe unter den Hobbyisten sehen, was ein professioneller Darsteller verdienen kann - und dieselben Gagen verlangt und von manch unerfahrenen Geldgebern auch bezahlt werden.
Zum einen muss in die Kalkulation eingerechnet werden, dass ein Künstler der Mittelalterszene nicht vom Himmel gefallen ist, sondern lange Jahre in den Ausbau seiner Fähigkeiten investieren musste. Auftrittsgewandungen, Instrumente oder Gauklerutensilien müssen bezahlt werden und sind besonders im Fall historischer Musikinstrumente eine riesige Investition. Andererseits ergeben sich so oft Stundensätze in der Gegend von 300-500 Euro pro Person, die für viele Auftraggeber durch nichts nachvollziehbar sind. Wo liegt der Mittelweg?
Der Händler
So wie bei anderen Beteiligten eine Verallgemeinerung unzulässig war, ist dies auch bei den Händlern der Fall. Von den schnellen Abkassierern, die von flinken Händen indischer Kinder hergestellte Ware unsagbar überteuert unter das Volk werfen, bis hin zu denjenigen, die in liebevoller Kleinarbeit Einzelstücke fertigen, bei denen die investierte Arbeitszeit zu üblichen Tarifen unbezahlbar wäre. Es gibt Anbieter, die sich über jedes Detail ihres Standes Gedanken machen und liebevoll dekorieren - aber auch diejenigen, die einen Hofer-Pavillon aus Plastik oder Schlimmeres zum Einsatz bringen.
Der Händler kann nur dann überleben, wenn er vom Veranstalter fair behandelt wird. Dies beginnt bei der Höhe der sogenannten Standgebühr, erweist sich aber spätestens dann, ob man für seine Waren ein Monopol am jeweiligen Markt erhält oder ob fünf Händler mit derselben Ware vor Ort sind. Deswegen ist es auch so wichtig, auf diesen Punkt penibel zu achten. Es ist ein häufig gemachter Anfängerfehler als auch kalkulierte Gleichgültigkeit, die Ausgeglichenheit der Händlerangebote zu missachten.
Ein häufig diskutierter Punkt ist die Zuverlässigkeit der Händlerschaft. Kann man darauf vertrauen, dass nur die Ware verkauft wird, die vereinbart war? Wird der Händler überhaupt auftauchen? Reist er vielleicht heimlich in der Nacht ab und "vergisst" seine Standgebühr zu bezahlen? Macht er vom Aufbautag an Ärger, weil er mit seinem Platz und den Nachbarn nicht zufrieden ist? Kaum ein Detail an einer Mittelalterveranstaltung kann die Nerven der Verantwortlichen so fordern, wie der Umgang mit der Händlerschaft.
Die Lagergruppen und Handwerker
Wie eingangs erwähnt, üben ernstzunehmende Lagergruppen ein sehr teures Hobby aus. Auf eigene Kosten und Risiko fahren Sie Ausrüstung im Wert fünfstelliger Summen durch das Land. Manchen Veranstaltern ist dies nicht mehr wert als ein müdes Lächeln, Vereinbarungen über Fahrtgeld und Verpflegung sind vor Ort auf einmal vergessen. Manche Lagergruppen versuchen in jüngster Zeit eine kleine Re-Finanzierung ihres Aufwands über so genannten Lagerverkauf, also den Verkauf von selbst hergestellten Gegenständen die zu ihrer jeweiligen Darstellung passen.
Andere bieten Kostproben aus der Lagerküche an (für freiwillige Spenden), wieder andere bieten Kinderspiele, Axtwerfen oder Bogenschießen an. Hiermit wird besonders auf schlecht besuchten Märtken der Unmut der Händlerschaft erweckt, die für ihre Verkaufstätigkeit Steuern und Standmieten zu bezahlen haben. Ein Thema, das im Laufe der kommenden Saisonen sicher noch für den einen oder anderen Konflikt sorgen wird.
Handwerker sind im Prinzip Darsteller, die sich auf ein oder mehrere historische Handwerke spezialisiert haben und diese vor Publikum zeigen. Dafür nehmen sie vom Veranstalter oft beträchtliche Gagensummen - manche von ihnen sind auch jeden Euro davon wert, da sie Publikumsunterhaltung in Form von Vorträgen und Workshops bieten. Als besonders dreist fallen diejenigen auf, die so gut wie kein Handwerk zeigen und stattdessen mit einem vollgepackten Handelsstand anreisen, wo nicht einmal davor zurückgeschreckt wird, zugekaufte Ware anzubieten. Dieser Unsitte wird kaum Einhalt geboten, im Gegenteil werden mancherorts die Gagen solcher Scheinhandwerker durch die Standgebühren der anderen Händler finanziert.
Schaukämpfer und Unterhaltungsshows
Als letzten Bereich möchten wir diejenigen anführen, die zur Unterhaltung des Publikums und zumeist als Hauptattraktion durch Schwertkampf, Schaustücke oder andere Shows die Gäste nicht nur anlocken, sondern auch tatsächlich zentral unterhalten. Der Schwertkampf ist stets ein Herzstück eines Mittelalterfestes, genauso wie alle Augen der Nachwuchsritter zu glänzen beginnen, wenn eine Show zu Pferde gezeigt wird.
In kaum einem anderen Bereich gehen die Gagen so weit auseinander, wie hier. Von null bis astronomisch sind hier die Gelder, die an die unterhaltenden Gruppen fließen. Manche machen es aus Prestigegründen gratis, sehr wenige andere betreiben es professionell und müssen Gewinne erzielen. Der Großteil der Darsteller in diesem Bereich entstammt dem Hobbyistenlager und müss zumindest die teure Ausrüstung irgendwie finanzieren, weshalb eine finanzielle Anerkennung ihrer Leistung nur als fair zu erachten ist.
Überblick
Zusammengefasst muss man also festhalten, dass es sich um eine komplexe Struktur menschlichen Zusammenlebens und -arbeitens handelt, die alles andere als einfach "nur Spaß" für zwischendurch ist. Wie in allen anderen Lebensbereichen ist von zentraler Wichtigkeit, dass man sich mit Fairness und Respekt begegnet, nicht an der Gutmütigkeit anderer bereichert oder diese schlichtweg ausnutzt oder gar betrügt. Wo man selbst gerade steht und wo man hinwill, welche Gagen noch fair und welche absurd sind - und noch viel mehr, hoffen die Moderatoren bei der kommenden Radiosendung herausarbeiten zu können.
Aktiv teilnehmen
Wer aktiv teilnehmen will, kann dies via Skype tun (während der Sendung den Benutzer "huscarlonair" kontaktieren, nur geschriebener Text, kein Mikrofon notwendig!). Auch ein Telefongespräch zu den aktuellen Themen ist möglich. Hier werden die Anrufer gebeten, sich vorher unter 0676 4052060 anzumelden, um den Gesprächszeitpunkt und Inhalt in etwa einteilen zu können. Doch auch spontane Anrufe wärend der Sendung sind willkommen und werden je nach Möglichkeit zugeschaltet. Die Sendung ist terrestrisch im Kremstal und international via Live-Stream zu empfangen.
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Bericht: Magazin Huscarl bekommt eigene Sendung