Das Stundenbuch der Maria von Burgund
Ein Glanzlicht mittelalterlicher Buchkunst
9. 4. 2010 - 15:00
Sören Specht
Dieses Buch ist auch als "Codex Vindobonensis 1857" der Österreichischen Nationalbibliothek bzw. unter der Bezeichnung "Gebetbuch Karls des Kühnen" bekannt. Es handelt sich bei dem vorliegenden Band um eine Reproduktion der Grazer Akademischen Druck- und Verlagsanstalt aus der Reihe "Glanzlichter der Buchkunst".
Der erste Eindruck
Das Buch ist durch eine schlichte Einschubbox aus Pappe geschützt, die dafür sorgt, dass das eigentliche Buch mit seinem Papiereinschlag gut transportierbar ist, ohne beschädigt zu werden. Der ansprechende Schutzeinschlag aus Papier zeugt bereits auf den ersten Blick mit einer hochwertigen Reproduktion zweier Vollbilder von der Qualität der Darstellungen. Mit einem beträchtlichen Gewicht für ein Buch dieser Größe hat der neugierige Leser das Gefühl, etwas Wertvolles in Händen zu halten. Natürlich lädt dieser erste Eindruck gleichermaßen zum Blättern und zum Stöbern ein. Unweigerlich bleibt der Blick bereits nach wenigen durchblätterten Seiten an den Miniaturen und Vollbildern hängen und bevor man sich dessen versieht, nimmt man bereits die unzähligen Details im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe und verliert dafür die Zeit aus den Augen.
Reiche Ausstattung
Mit 20 Vollbildern, 16 Miniaturen, 24 Kalenderbildern, vielen Initialen und etlichen wunderschönen Zierrahmen ist dieses Buch ein wahrer Augenschmaus. Die qualitativ hochwertigen Seiten in gestochener Farbbrillanz und hochwertiger Verarbeitung lassen die Pracht des Originals seiner Zeit nicht nur erahnen. Alltags-, Jagd- und Hofszenen ermöglichen Einblicke in die flämische Gesellschaft zur Zeit Karls des Kühnen, dem Vater der Maria von Burgund. Als spätere Gemahlin des Kaisers Maximilian brachte sie das Gebetbuch ins heutige Österreich. Die wirklich schönen Seiten des Stundenbuches werden bei diesem Exemplar sinnvoll ergänzt um die Kommentare und Erläuterungen von Franz Unterkircher, welcher eingehend die komplexe Symbolik der spätmittelalterlichen Illustrationen schildert. Dass die Identität der Maler in der Fachwelt immer wieder ein Streitthema ist, zeigt den hohen Stellenwert dieses Meisterwerkes der Buchkunst, welches zu Unrecht lange Zeit als Museumsinventar der Öffentlichkeit vorenthalten wurde.
Detaillierte Abbildungen
Auch wenn dieses Buch im ursprünglichen Sinne als Stundenbuch und Unterstützung für das stille Gebet gedacht war, für welches es einige Zeit auch in Gebrauch war, so bietet es auch heute noch interessante Abbildungen der Kleidung, Ausrüstung und Alltagsgegenstände des ausgehenden Spätmittelalters und liefert Impulse für die gelebte Geschichte. Unterhaltsame Seitenhiebe in Form von verkleideten Tieren in amtsüblichen Gewandungen kirchlicher Würdenträger und weltlicher Herrscher finden sich gleichermaßen wie mythische Fabelwesen als Seitenschmuck oder integriert in die unzähligen Zierrahmen. Damit erschließt sich allein in diesem Werk ein reichhaltiger Einblick in die Lebensweise und Weltanschauung zur Entstehungszeit.
Reproduktion und Anhang
Mit den Monatsblättern, den Gebetstafeln und den entsprechenden Texten, erfüllt das Stundenbuch zur Gänze die mittelalterlichen Anforderungen an ein solches. Wie zur damaligen Zeit üblich in tadellosem Schriftbild verfasst, werden dem geübten und versierten Leser zahlreiche Schreibfehler auffallen, welche sich über den gesamten handschriftlichen Inhalt verteilen und nicht ungewöhnlich sind. Glücklicherweise finden sich im Anhang sehr umfangreiche, hilfreiche und vor allem weiterführende Kommentare von Franz Unterkircher, welcher auch auf Details in den Illustrationen und deren Interpretationen eingeht. Klar ist, dass dieses Werk nicht frei von zeitgenössischem politischen und wirtschaftlichen Einflüssen ist und diese dem Leser dank der Kommentare im Anhang aufgezeigt werden. Auf siebzig Seiten findet der moderne Leser vieles, was sich unserem heutigen Verständnis sonst nicht erschließen würde, und es animiert ebenso zum Blättern, Lesen wie zuweilen auch zum Nachgrübeln.
Eine Einladung zum Studium
Das Buch ist nicht nur schön, sondern lädt zur Anwendung, zum Lesen und Stöbern ein. Mit Sicherheit eine Zierde für jedes Bücherregal, obgleich dies einer Verschwendung gleich kommt, da dieses Werk gleich dem Original zur vielfältigen Verwendung gedacht ist. Klar ist, dass die Verarbeitung auf einem Standard präsentiert wird, welcher heute bei handelsüblichen Büchern leider kein Standard mehr ist. Ein zukünftiges Erbstück, möchte man meinen. Als eines der schönsten Exemplare aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert zählt dieser burgundische Buchschatz aus der Blütezeit der Buchmalerei zu den begehrtesten Sammlerobjekten. Während die originalgetreuen Faksimile um stolze Preise von 4.000 Euro und mehr zu haben sind, liegen die Preise für die Reihe "Glanzlichter der Buchkunst" des Grazer Verlages bei eher leistbaren bzw. schenkenswerten 90 Euro. Aus Sicht des Rezensenten für alle entsprechend Interessierten unbedingt empfehlenswert.
Daten:
Das Stundenbuch der Maria von Burgund:
Codex Vindobonensis 1857 (Gebundene Ausgabe)
Reihe: Glanzlichter der Buchkunst
Gebundene Ausgabe: 460 Seiten
Verlag: Akademische Druck- und Verlagsanstalt
1993
Sprache: Latein, Deutsch
ISBN-10: 3201016004
ISBN-13: 978-3201016001
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