Miroque - weit mehr als eine Konzertreihe
Das neue Printmagazin im deutschsprachigen Raum
4. 5. 2010 - 8:30
Florian Machl
Als Mitorganisatoren der beliebten Miroque-Konzertreihe im Viper Room Wien waren wir vom Namensinhaber von "Miroque" schon ein wenig früher eingeweiht worden: Ein neues Printmagazin sollte auf den Markt. Der Schwerpunkt, so sagte man uns, werde auf der Musikszene liegen, deren viele hundert Bands in Deutschland durchaus einiges Potential haben, um darüber zu berichten. Endlich war es so weit, ab 30. März war das publizistische Wagnis von Jan Kühr, die erste Ausgabe von "Miroque - Lebendige Geschichte", im deutschsprachigen Zeitschriftenhandel erhältlich: Mit deutlich mehr Inhalt als erwartet. Kühr erweitert damit sein in der deutschen Mittelalterszene gut etabliertes Mondschatten-Imperium. Werfen wir einen intensiven Blick auf das Gebotene...
Ein Vergleich mit dem letzten verbliebenen gedruckten Marktbegleiter-Produkt erscheint obligatorisch, nämlich mit dem Magazin Karfunkel, von dem zeitgleich die Ausgabe Nummer 87 erschienen ist. Ob ein Mitbürger der Mittelalterszene angehört, ist seit rund einem Jahrzehnt recht häufig anhand der angebotenen Lektüre auf stillen Örtchen nachvollziehbar. Entsprechende Lektüre besteht nur zu oft aus verfügbaren Heften von Karfunkel, dem seit längerem eingestellten Pax et Gaudium oder einzelnen passenden Ausgaben von Geschichte, Damals, PM und dergleichen mehr. Ab sofort kann man in seinen Besinnungspausen - und selbstverständlich auch überall sonst - den Vergleich anstellen.
Mittelaltermagazine haben eine Einheitsgröße
Man hält fest: Die Magazine haben einen exakt identischen Seitenumfang von 132 Seiten. Was im Übrigen auch dem Umfang von Pax et Gaudium entsprach. Dabei wirkt das Material von Karfunkel etwas teurer, was sich am nahezu doppelt so "schweren" Umschlagblatt und den etwas dickeren aber auch glatteren Innenseiten widerspiegelt. Dennoch freut sich der zur Leserschaft zählende Redakteur durchaus darüber, dass für die Seiten von Miroque ein sehr angenehm griffiges und eben weniger glattes Papier gewählt wurde. Als Layouter der ersten Stunde, schlussendlich zählt auch dieses Gewerbe seit rund zwanzig Jahren zu seinen Tätigkeiten, ist er vom Layout von Miroque sehr positiv überrascht. Eigentlich kommt man beim Vergleich mit den Mitbewerbern ins Schwelgen...
Übersichtliches, herausragend schönes Layout
Verantwortlich für die grafische Gestaltung sind die Damen Anja Pittner (Inhaltsteil) und Brigitta Settels (Rezensionen und Markttermine). Dabei wählte man ein ungewöhnlich schmales Schriftbild, das in variierender Größe eingesetzt wird. Da manche Seiten sehr eng und klein bedruckt sind, weiß man: Hier erhält man zumindest quantitativ eine Menge Information. Gemessen am Schriftgrad sogar deutlich mehr als es bei Pax der Fall war, eine Spur mehr im Vergleich zu Karfunkel. Dieses eng gesetzte Schriftbild wirkt auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig. Das ist es auch - denn nach einer kurzen Eingewöhnung liest man gerne weiter und weiter. Ebenso auffallend anders sind die 32 Innenseiten, die nur in Schwarzweiß gedruckt sind. Möglicherweise dient dies einer nachvollziehbaren Kostenersparnis, ganz angefreundet hat sich der Redakteur damit aber nicht.
Optik unterstützt die Inhalte
Dies liegt vielleicht auch daran, dass mit Miroque ein Magazin auf den Markt kam, in dem jede Seite anspruchsvoll gestaltet wurde. Verschiedenste Hintergründe kommen zum Einsatz. Nicht eine einzige Seite hat einen rein weißen oder auch einfarbigen Hintergrund. Jedes verwendete Foto hat einen eigenen, teils aufwändigen Bildrahmen erhalten. Das Layout kann somit als detailverliebt und verspielt bezeichnet werden, unterstützt die Inhalte allerdings mit perfekter Klarheit. Es gibt keine störenden Elemente, vielmehr freut man sich während des Blätterns darauf, welche kleinen Illustrationen und sonstigen Extras einen auf der nächsten Seite erwarten mögen - vorausgesetzt man legt auf derart gute Optik wert. Ein kleines Manko ist, dass aufgrund der ausführlichen Inhalte manche Spalten zur Textwüste verkommen, weil für die – ebenso schön gestalteten – Zwischentitel schlichtweg kein Platz mehr bleibt. Von diesen würde sich das Auge oft mehr wünschen.
Erstes Thema: Kreuzzüge
Doch genug aus Perspektive der Grafiker gefachsimpelt, wenden wir uns dem Inhalt zu. Dieser, entstanden unter der Redaktionsleitung von Katja Angenent, überrascht durch Inhalte als auch Qualität: Statt dem erwarteten Musik-Schwerpunkt präsentiert sich die erste Ausgabe von Miroque als Themenheft für Geschichtsinteressierte. Als Thema waren die Kreuzzüge ausgewählt worden. Dieses Thema steht nicht nur am Umschlag, es zieht sich intensiv durch die Inhalte. Über fünfzig Seiten sind ihm gewidmet, wenn man die ungewöhnliche Reise-Rubrik "unterwegs", aber auch thematisch passende Rezensionen im Kulturteil hinzuzählen will. Abgerundet wird das Thema passenderweise mit der Vorstellung von Vereinen und Gruppen, die sich in ihrer Darstellung der Zeit der Kreuzfahrer verschrieben haben. Aus österreichischer Sicht ärgerlich: Heimische Gruppen fehlen. Dies ist ein Punkt, wo wir darauf hoffen, die deutschen Kollegen in Zukunft mit Material und Texten unterstützen zu dürfen.
Bekannte, namhafte Autoren
Miroque startete als ähnlich integratives Projekt, wie Huscarl es in der Online-Welt zu sein versucht. Zur journalistischen Teilnahme wurden etliche namhafte Personen aus der (deutschen) Mittelalterszene eingeladen. So freuten wir uns beispielsweise über einen umfangreichen Artikel von Marcel Schwarzenberger, Herausgeber von Chronico.de, zum Thema "Israel – auf Kreuzfahrerspuren im heiligen Land". Und auch auf andere bekannte Namen trifft man, sei es die musikalische Koryphäe Dr. Lothar Jahn, Küchenmeister und Buchautor Michael Kirchschlager oder die bekannte Belletristik-Autorin Rebecca Gablé.
Lesenswerte Inhalte
Die wissenschaftlichen Inhalte werden von den befragten Lesern als interessant und gut aufbereitet beschrieben. Freilich hat man als "alter Hase" der Mittelalterdarstellung das meiste schon irgendwo einmal gelesen, doch insbesondere Einsteiger erhalten einen guten, abwechslungsreichen Überblick, der Lust auf mehr macht. Die Aufbereitung entspricht modernsten Anforderungen, die zum Teil auch in Schulbüchern nicht besser zu finden wären. Hier seien die Landkarten und die Zeittafel besonders erwähnt, aber auch die reichhaltig bebilderten Seiten zu Gewandung und Ausrüstung der Ritterorden.
Umfangreicher Musikteil
Genauere Betrachtung verdient auch der Musikteil, der zwar nicht den Hauptinhalt des Magazins ausmacht, aber umfangreicher und detaillierter ist, als irgendwo sonst – also bei Marktbegleitern aber auch reinen Musikmagazinen aus den Metal-, Gothic-, Rock- und Folkbereichen. Wer sich für die Gruppen der mittelalterlichen Musikszene Deutschlands interessiert, wird an Miroque künftig nicht vorbeikommen – und es ist anzunehmen, dass die diesbezüglichen Rezensionen und Kritiken ein breites, aufmerksames Publikum finden werden. Hier findet man Hintergrundinfos und Interviews mit den „ganz Großen“ wie In Extremo, Saltatio Mortis, Subway to Sally, Ougenweide und Rabenschrey. Doch man freut sich auch über den Platz, der einigen „kleineren“ eingeräumt wird, wie beispielsweise den Publikumslieblingen von Vermaledeyt, denen auch von Huscarl spätestens nach ihrem beachtlichen Österreich-Debut eine steile Musikkarriere prophezeit wurde. Und auch ins Ausland geht der Blick mit einer Vorstellung von Rapalje, Red Hot Chili Pipers und Saor Patrol.
Textwüste Marktkalender
Offenbar nicht fehlen darf in einem Printwerk, das auf die Mittelalterszene abzielt, die Textwüste namens Marktkalender - in Miroque zusätzlich ergänzt durch einen Konzertkalender. Leider ist vor allem der Marktkalender noch sehr unübersichtlich gestaltet und hilft weder mit Einteilungen in Bundesländer oder Länder, noch mit einer klaren Abgrenzung von Monaten. Einzig die Wochen sind durch farbliche Hinterlegung voneinander getrennt, auf markante Überschriften oder Details zu den Veranstaltungen wurde hingegen verzichtet. Hier hat vom Informationsgehalt her Karfunkel noch eindeutig die Nase vorne. Böse Zungen behaupten allerdings auch, dass dies trotz eines angeblichen Qualitätsverlustes über die Jahre der Hauptgrund für die nach wie vor hohen Auflagenzahlen von Karfunkel wäre, was man – zumindest beim ersten Heft – von Miroque gewiss nicht behaupten kann.
Themen der kommenden Ausgaben
Intelligent gewählt sind auch die Themen der folgenden Ausgaben. Geht es bei der kommenden Nummer zwei um Wikinger und bei Nummer drei um Kelten, wird sich Nummer vier dem Themenkreis Religion widmen. Als allgemeiner Kritikpunkt, der wohl nicht jedem Leser wichtig sein dürfte, bleibt anzumerken, dass vor allem in den Rezensionsbereichen der gewisse "Pfeffer" der Schärfe fehlt. Hier dümpelt man leider mit belanglosem Gefälligkeitsjournalismus vor sich hin, der sich möglicherweise in der Anfangsphase nicht vermeiden lässt, wo man auf jeden Werbe-Euro angewiesen ist. Möglicherweise hat man sich gerade deshalb absichtlich nur „gute“ Werke zur Rezension ausgesucht, um zu Beginn keine Kanten und Ecken zeigen zu müssen, die auf lange Sicht aber sicher notwendig werden, wenn man sich von den Massenmedien abheben will.
Einladung an Huscarl
Für die zweite Ausgabe wurde Huscarl freundlicherweise eingeladen, einige herausragende heimische Veranstaltungen zwischen Juni und August anzukündigen. Eine Einladung, die wir selbstverständlich gerne angenommen haben. Insgesamt hoffen wir, das neue Magazin mit dem Potential unserer Redaktion in Zukunft etwas intensiver unterstützen zu dürfen, um österreichische Inhalte und Geschehnisse auch in gedruckte Form zu bringen.
Willkommene Ergänzung am Markt
Doch ungeachtet dieser keimenden Zusammenarbeit geben wir eine klare Empfehlung zum Kauf oder gar Abonnement von Miroque – Lebendige Geschichte ab. Derzeit ist es keinesfalls als Ersatz für Karfunkel zu sehen, sondern vielmehr als eine hochwillkommene Ergänzung, die in einem Detailgrad auf Themen eingeht, wie man es zuvor nur von Pax et Gaudium oder einem Karfunkel Themenheft gewohnt war.
Daten:
Miroque - Lebendige Geschichte
132 Seiten
Deutschland: 6,90 Euro
Österreich: 7,90 Euro
VK Histomedia GmbH
Albertstraße 20
46049 Oberhausen
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