huscarl.at
EditorialMarktlebenWissenschaftMusikKulturVereineChronikVermischtesKurzWahlRadioVideoSzeneSuche
in der Community anmelden
(C) Böhlau Verlag
Das umfangreiche Werk "Kleidung im Mittelalter" von Katrin Kania ist ein umfangreiches Standardwerk geworden, das im Buchregal des ernsthaften Gewandungsschneiders nicht fehlen darf.

Bildquelle: Katrin Kania
Die Autorin als Erklärbär bei einer Veranstaltung...

Bildquelle: Katrin Kania
... und beim Flechten.

Das neue Standardwerk
für Gewandungsschneiderei

Katrin Kania - Kleidung im Mittelalter
7. 6. 2010 - 8:45
Arnulf Zeilner


Die Dissertation aus dem Jahr 2008 von der Textilarchäologin Katrin Kania mit dem Originaltitel "Konstruktion und Nähtechnik mittelalterlicher weltlicher Kleidung" ist in diesem Jahr nach langer Wartezeit nun endlich als Buch käuflich zu erwerben. Bei der Dissertation handelt es sich um eine umfassende Untersuchung mittelalterlicher Kleidung aus archäologischer Sicht. In einigen Bücherregalen unserer Leser ist dieses Werk schon vertreten, andere fragten schon mehrfach nach einer Rezension bei der Huscarl-Redaktion. Gerade weil der Preis bei ca. 70 Euro liegt, will wohl keiner die Katze im Sack kaufen.

Schon beim Durchblättern fällt auf, dass man hier im wahrsten Sinne des Wortes schwere Literatur in Händen hält. Auf 529 Seiten steht fast alles, was man über mittelalterliche Kleidung, deren Beschaffenheit und Rekonstruktion wissen will. Jedes Kapitel ist so leicht verständlich, dass man das Buch im wahrsten Sinne des Wortes Seite für Seite verschlingt.

Schnittmuster

Wer sich detaillierte Schnittmuster erwartet, wird hier möglicherweise enttäuscht werden. "Kleidung im Mittelalter" will kein Schnittmusterbuch sein. Dennoch findet man hier mehr Schnitte als in manchem Gewandungsbuch, das als "gut" gelten mag. Zudem handelt es sich bei den Schnittzeichnungen um Rekonstruktionen verschiedener Originalfunde, wobei die Autorin darauf bedacht ist, Funde, Bildquellen und praktische Versuche in Beziehung zu setzen, um der Realität möglichst nahe zu kommen. Hier wird also interdisziplinär gearbeitet, was heute in der Forschung zum Glück immer üblicher wird.

Wissenschaftliche Herangehensweise

Am Anfang steht die Einführung in das Themengebiet und in den aktuellen Forschungsstand z.B. der Kostümkunde, sowie in typische Fragestellungen. Die Grenzen und Probleme der Forschung werden angeführt, Quellen zur Kleidung und Quellenkritik für Realienforschung sowie ein Überblick über Möglichkeiten der interdisziplinären Vorgehensweisen schließen den Abschnitt ab. Gerade Quellen und Quellenkritik sind Objekte von besonderem Interesse für jeden, der gelebte Geschichte ernsthaft betreiben will.

Materialien und Techniken

Da Material und Verarbeitungstechnik die Eigenschaften des Kleidungsstückes bestimmen, wird der Erläuterung von beidem breiter Platz geboten. Bei archäologischen Textilien ist die Fältelung von Stoffen ein immer wiederkehrendes Phänomen, zu dem noch viele Fragen offen sind und auf das im Speziellen eingegangen wird. Kapitel zu Nähtechnik, Sticharten, Versäuberungs- und Saumtypen sowie Verschlussmöglichkeiten sind ebenfalls vorhanden und ebenso wie bei der Entwicklung der Kleidung wird all dies genauestens beschrieben.

173 Beispiele

Die Grundvoraussetzungen der mittelalterlichen Schneiderei werden erläutert und auf die Unterschiede zur modernen Schneidertechnik hingewiesen. Zudem werden rekonstruierte Möglichkeiten zur Herstellung mittelalterlicher Kleidung vorgestellt. Im Katalogteil werden insgesamt 173 erhaltene Kleidungsstücke des Mittelalters einzeln vorgestellt, größtenteils mit Abbildung.

Vieles zu lernen...

Gerade durch den Katalogteil wird mit vielen Allgemeinplätzen aufgeräumt. Ich persönlich hatte doch einige "Aha-Erlebnisse", seien es die verschiedenen Formen von "Halbkreismänteln", seien es Beinlinge im Haithabu des 10. Jahrhunderts oder die Tatsache, dass Beinlinge mal gerade zum Stoffverlauf, mal diagonal geschnitten oder überhaupt aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt waren. Wo andere Bücher schreiben, es sei "so gewesen", so lernen wir hier, wie viele verschiedene Möglichkeiten in der historischen Realität vertreten waren. Viele der Grabfunde werden über das Ableben der in dem Grab befindlichen Personen datiert, oftmals geschieht eine Datierung über die C14-Methode, immer aber ist klar ersichtlich, worauf die zeitliche Klassifizierung beruht – und auch wenn die Einteilung "nur" auf Vermutungen im geschichtlichen Kontext basiert, wird der Leser nie darüber im Unklaren gelassen. Auch hier wieder eine Verbesserung gegenüber den gängigen "Reenactor-Büchern".

Regionale Einteilung

Da der gewählte Beobachtungszeitraum vom Frühmittelalter bis in die Frühe Neuzeit reicht, letzteres um die Kontinuität der textilen Entwicklung aufzuzeigen, und der Versuch unternommen wurde, möglichst viele verschiedene Funde einzuarbeiten, haben wir hier eine große Bandbreite an Relikten aus Spanien, England, Schweden, Deutschland und vielen weiteren Ländern vorliegen. Hier mag der eine oder andere Leser eine kleine Schwäche orten, denn so umfangreich dieses Buch auch ist, so kann man eine Spezialisierung auf eine bestimmte Region nicht erwarten.

Archäologin Katrin Kania

Katrin Kania studierte Archäologie des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Ihre Magisterarbeit mit dem Titel "Übersehen - verkannt - vergessen. Die Gugel in Wort, Bild, Fund und Experiment" ist bisher unveröffentlicht, jedoch gibt die freiberuflich agierende Textilarchäologin auch Kurse zu fast allen Themenbereichen des mittelalterlichen Textilhandwerks. Zudem ist sie in der experimentellen Archäologie im Bereich Rekonstruktion historischer Schneidertechnik tätig und auch – wenn es die Zeit erlaubt (und man hier aus dem Nähkästchen plaudern darf) – in der gelebten Geschichte zuhause, abseits vom Textilen wären hier das Bogenschießen (unter anderem in Reichenau an der Rax) und die mittelalterliche Musik zu erwähnen.

Begeisterndes Standardwerk zu stolzem Preis

Katrin Kanias "Kleidung im Mittelalter" ist ein wertvolles Stück wissenschaftlicher Literatur. Meiner Meinung nach ist das Buch den Preis von annähernd 70 Euro wert. Ob man allerdings das dafür nötige Kleingeld erübrigen kann oder will, muss jeder für sich entscheiden. Fest steht, dass hier ein neues Standardwerk entstanden ist, das sowohl als Nachschlagewerk als auch als Einführung in die Thematik gleichermaßen geeignet ist, da Stil und Sprache auch für Neulinge geeignet sind, ohne dadurch unpräzise zu werden. Ich nenne mehr als ein Dutzend Bücher zu diesem Thema mein Eigen, aber keines davon kann diesem hier das Wasser reichen. Absolute Begeisterung!


Daten:

Kleidung im Mittelalter
Materialien – Konstruktion – Nähtechnik; ein Handbuch
Katrin Kania
529 Seiten
Verlag: Böhlau; Auflage: 1 (13. Mai 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 341220482X
ISBN-13: 978-3412204822


Weiterführende Links:






Fantasy Flagship



Vehi Mercatus



Noch schneller informiert:
Huscarl auf Facebook



Dieser Huscarl-Artikel ist mir eine kleine Spende wert:





Du erhältst derzeit keine E-Mail-Benachrichtigung, wenn
neue Kommentare zu diesem Artikel verfasst werden. Ändern.