Michal Khan: Poi-Schwingen
Die definitive Anleitung zum Poi-Schwingen
21. 7. 2010 - 8:30
Gregor Urabl
Mittelalterfeste ohne abendliche Feuershows sind mittlerweile undenkbar geworden. Historische Authentizität hin oder her - es macht Spaß und erfreut das Publikum. So taucht immer wieder die Frage auf, wie man diese Feuerkünste erlernen könne - beispielsweise das Poi-Schwingen.
"Prall gefüllt mit über 450 Tipps und Tricks sowie Ideen für hunderte von Bewegungsabläufen ist dieses Buch dazu bestimmt zur Pflichtlektüre für jeden Poi-Schwinger auf diesem Planeten zu werden. Von den ersten kreisenden Versuchen bis hin zum absolut Abgefahrenen, über Tricks wie den Verfolger, die Fontäne oder den Butterfly hinter dem Rücken. POI-SCHWINGEN vermittelt alle Fertigkeiten die man braucht um diese Kunst meisterlich zu beherrschen und neue Tricks zu erfinden."
Poi? Was ist das?
Soweit bereitet der Rücktext dieses Trainings-Buches, in seiner 2002 erschienenen ersten Auflage, den Leser vollmundig auf das Bevorstehende vor. Doch was ist zwischen den Buchdeckeln verborgen, wie viel kann ein Buch zu Artistik wirklich vermitteln und zur wichtigsten Frage gleich zu Beginn: Poi? Was ist das überhaupt?
Ein Poi (Maori: "Ball", Plural als Singularetantum ohne "s": Poi) ist ein Spielgerät bzw. Jonglageartikel zum so genannten "Spinning". Ein Poi ist ein (Leucht-) Körper (sog. Head), der über Ketten oder Schnüre mit Griffen oder Fingerschlaufen verbunden ist. Beim Spielen wird in jeder Hand ein Poi durch Ausnutzung der Zentrifugalkraft in möglichst abwechslungsreichen Kreisbahnen um den Körper geschwungen. Viele Spieler streben nach einer Übungsphase an, mit brennenden Poi aufzutreten.
Poi haben ihren Ursprung bei den Maori in Neuseeland. Die Frauen führten mit ihnen Tänze auf, bei denen die auf Brautschau befindlichen Männer das Reaktions- und Koordinationsvermögen der Tänzerinnen beurteilen konnten. Entgegen einer oftmals geäußerten Behauptung waren Poi niemals als Waffen konzipiert – wurden sehr wohl aber als Trainingsgerät für "Mere" oder "Patu" genannte Kurzkeulen genutzt.
Heutzutage finden sich Poi oft im Repertoire von Jongleuren, insbesondere werden sie auch gerne – und von zahllosen Mittelalterfesten bekannt – als Teil von Feuershows eingesetzt. Dass Poi allerdings lange vor unserem Mittelalter und auf einem ganz anderen Kontinent erfunden wurden wird aber auf Mittelalterfesten gerne verschwiegen.
Äußere Aufmachung
Das vorliegende Buch der Londoner Jongleurin Michal Khan befasst sich nun sowohl mit Grundlagen als auch fortgeschritteneren Übungen zum Poi-Spielen.
In seiner äußeren Aufmachung präsentiert sich "Poi-Schwingen" als Taschenbuch im Querformat. Das Buch ist durchgängig sehr reichhaltig mit Grafiken versehen, der Druck hält sich im ganzen Buch in schwarz-weiß auf Normalpapier. Es sind bisher Übersetzungen in fünf verschiedenen Sprachen erschienen (Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Japanisch), wobei in der vorliegenden deutschen Version bei fast allen Übungen sowohl deutsche Übersetzungen der Figurbezeichnungen, als auch die gebräuchlichen englischen Bezeichnungen vermerkt sind (so z.B. "Der Verfolger" / "The Weave").
Sanfter Einstieg
Der Einstieg wird Einem sehr sanft bereitet, da die Autorin mit absoluten Grundlagen beginnt. So wird auf den ersten Seiten behandelt, was ein Poi überhaupt ist, welche Varianten davon existieren, wie das grundsätzliche Schwingen von statten geht uvm.
Kleinere "Wissenshappen" werden kontinuierlich im Buch eingestreut, wie z.B. die Geschichte der Poi und deren ursprüngliche Bedeutung bei den Maori.
Liebevolle Aufmachung
Einen Hauptgrund für die sofort sympathisch erscheinende Aufmachung bieten die bereits angesprochenen zahlreichen Illustrationen. So ist jede Übung in einzelne Teile aufgebrochen, die von einer gezeichneten, weiblichen Figur in Momentaufnahmen gezeigt werden. Dazu werden die einzelnen Übungsschritte im Text erläutert. Im Gegensatz zu verschiedenen Ansätzen der Konkurrenz, wie die Vereinfachung von Bewegungen in Pfeilsymbole u.ä. werden hier direkt die Körperhaltungen gezeigt, was einen sehr viel natürlicheren Ansatz bietet als die semantische Abstraktion zur Verwendung von stellvertretenden Symbolen. Ebenso werden bei den Übungen oft Tipps gegeben, wodurch die häufigsten Fehler bei besagter Übung leicht erkannt und korrigiert werden können.
Weiters wird das Buch durch humorvolle Einwürfe aufgelockert, so wird z.B. gleich auf der ersten Seite direkt unter den Copyrighthinweisen vermerkt: "Die Autorin und der Herausgeber übernehmen keine Verantwortung für blaue Flecken, egal wie farbenfroh, die beim Lernen mit diesem Buch entstanden sind."
Aufbau
Das Buch ist grob in drei Kapitel geteilt: "Grundlagen" , "Leicht fortgeschritten" und "Fortgeschrittenes". Hierbei wurde der Versuch unternommen die einzelnen Übungen aufgrund ihrer Schwierigkeit einzuteilen, was – wie die Autorin selbst anmerkt – nur bedingt machbar ist. Da jeder Poi-Spieler andere Übungen als schwer oder einfach erachtet, kann diese Einteilung zwar ein guter Ansatzpunkt für Anfänger sein, sich anfangs nicht zuviel zuzumuten. Allerdings verweist die Autorin auch selbst darauf, dass es natürlich möglich ist das Buch nicht chronologisch zu lesen.
Durch ein sehr übersichtliches Verzeichnis aller Übungen zu Beginn als auch einen alphabetischen Index (wiederum mit deutschen und englischen Bezeichnungen) am Ende gelingt es nicht den Überblick zu verlieren.
Die Show
Als Anhang bietet "Poi-Schwingen" noch ein interessantes Kapitel zum Thema Showplanung – von Sicherheitshinweisen beim Spielen mit Feuerpoi bis hin zu Anregungen zu Einzel- und Gruppenchoreographien. Auch "verwandte" Jonglageartikel wie Devilsticks oder Stäbe werden hier kurz betrachtet.
Fazit
"Poi-Schwingen" von Michal Khan ist ein Fundus von Anleitungen zum Poi-Spielen, gleichermaßen für Anfänger wie Fortgeschrittene. Als Taschenbuch ist es problemlos immer im Grünen beim Training mit dabei. Liebevoll gestaltet und mit viel Humor bringt die Autorin die Übungen, heruntergebrochen auf ihre kleinsten Bewegungsbestandteile, zu Papier.
Bezugsquellen
In Österreich ist "Poi-Schwingen" bei diversen Onlinehändlern, sowie "Jonglierwaren Bumfidl" in der Lerchenfelder Strasse 113, 1070 Wien sowohl in der deutschen als auch englischen Fassung erhältlich.
Der Preis von 19,90 Euro ist zwar für ein Taschenbuch von 144 Seiten nicht unbedingt ein Schnäppchen, aber für ein Fachbuch zu einem recht "alternativen" Hobby noch durchaus verträglich. Abschließend sei noch gesagt, das sich so gut wie alle Übungen in diesem Buch auch mittels freier Online-Video-Tutorials lernen lassen – allerdings ist das Taschenbuch als Trainingshilfe leichter in einen Park transportiert, als ein Computer.
Daten
Englische Version
Michal Khan
Poi-Swinging
ISBN-10: 1898591199
ISBN-13: 978-1898591191
2002, 144 S.
Verlag: Butterfingers
14,95 EUR
Deutsche Version
Michal Khan
Poi-Schwingen
ISBN: 2940065128
EAN/UPC: 9782940065127
Verlag: Mister Babache
2002, 144 S.
19,95 EUR
Weiterführende Links: