Das Alamannen-Kochbuch
Interessante Rezeptsammlung für Lagerküche und Herd
28. 7. 2010 - 12:00
Andreas Schepetz
Es gehört heute schon fast zum guten Ton, seine Gäste mit selbstgekochtem Essen zu verwöhnen. Eine wahre Flut von Kochbüchern von Jamies, Horsts und Co. hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass eine Arbeit, eigentlich als eher out betrachtet, wieder gesellschaftsfähig wurde. Die Beschäftigung mit Lebensmitteln, deren Ursprung und auch die Verkochung eben jener ist wieder chic. Nun war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis auch die Reenactorszene mit Kochbüchern beglückt wird. Ist es doch grade im Bereich von Lagergruppen durchaus üblich, mit Schauküchen für die anwesenden Besucher zu kochen oder gleich die ganze eigene Gruppe inklusive möglicher Gäste zu bewirten. Andrea Gräupel und Stefan Müller vom Verein der Raetovarier haben sich die Mühe gemacht, eine Rezeptsammlung zusammenzutragen und als Kochbuch herauszubringen. Doch wie gelungen sind die im vorliegenden Band vorgestellten Rezepte? Es handelt es sich übrigens um ein Buch aus einer Reihe, wobei uns weitere Bände zur Rezension vorliegen.
Sieht man sich auf der Homepage der Raetovarier um, merkt man schnell, dass sich hier viele Hobbyisten sehr umfangreich mit der Rekonstruktion der damaligen Lebensumstände beschäftigen. Die 23 Mitglieder haben unter anderem bereits begleitend bei Museumsausstellungen mitgewirkt, wodurch man einen recht guten Eindruck von der Genauigkeit der Gruppe erhalten kann. Denn recht viel schwerer als die Darstellung einer Volksgruppe, welche keine direkten schriftlichen Aufzeichnungen hinterließ und die nur durch Schriftstücke anderer Kulturen (unter anderem der Römer) ein Stück Leben zurückgewinnt, kann man es sich kaum machen.
Die Alamannen
Die Alamannen, zur Volksgruppe der Germanen gehörend, siedelten seit Beginn des 3. Jahrhunderts im Bereich zwischen Rhein, Main und Lech. Sie entstanden aus mehreren germanischen Volksgruppen und unterscheiden sich von diesen durch deutlich andere Riten und Begräbniszeremonien. Man kann gemeinhin aber nicht von "den" Alamannen oder auch Alemannen sprechen, da es sich trotz allem um kein einheitlich geführtes Volk handelte, sondern vielmehr um einen losen Verbund verschiedener Volksgruppen, unter anderem auch der Raetovarier, die ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum römischen Reich hatten. Teilweise bekriegten einzelne Volksgruppen die Römer, andere sollen sogar im Auftrag des römischen Reiches eine Vorbesiedlung durchgeführt haben. Fakten hierzu gibt es aber wenig – und vieles davon ist nach wie vor umstritten.
Authentizität vs. Machbarkeit
Gleich eines vorweg – wer sich hier ein A+++ Kochbuch über die früheuropäische Küche erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Bereits am Rückendeckel ist deutlich vermerkt: "... haben die Autoren Rezepturen erstellt, wie sie vor nunmehr 1800 Jahren an den Feuerstellen der Alamannen zubereitet wurden." Das Vorwort klärt uns dann definitiv darüber auf, dass hier viel Fantasie mit im Spiel war. Auch wenn sich die Quellenangaben des Buches wie ein Who is Who der Kochbücher liest, die belegbaren Quellen sind sehr rar gesät. Es gibt zwar aus vergleichbaren Zeiträumen Belege für die römische Küche, diese hat aber insbesondere ob der räumlichen Distanz und der vorhandenen Rohstoffe eine ganz andere Ausrichtung besessen.
Die Machbarkeit im Lager
Auch hier geht die Bandbreite der Rezepte sehr weit auseinander. Einige brauchen kaum oder nur wenig Vorarbeit. Andere hingegen fordern eine gut mit Hilfsmitteln ausgestatte Feldküche – oder sind schlichtweg nicht machbar. Auch sind manche der Zubereitungsarten kaum für die damalige Epoche belegbar, einfach aus Mangel der verschiedenen Rohstoffe. Panieren gehört dazu. Und schwimmendes Herausbacken. Was eines der großen Hindernisse darstellt ist aber oftmals die Notwendigkeit mehrerer Feuerstellen. Beispielsweise sind Semmelknödel eine sehr schmackhafte Beilage zu den verschiedensten Gerichten – in ihrer Herstellung aber recht anspruchsvoll. Jede Menge Butter muss geschmolzen, Zwiebel gehackt werden und Knödeln gedreht, um diese dann in leicht siedendem Wasser zu kochen. Und das am besten zeitgleich mit der Hauptspeise.
Schmackhaft und plausibel!
Im Gegensatz zu den nicht immer ganz authentischen Zubereitungsmethoden sind einige recht schmackhafte und vor allem durchaus vorstellbare Gerichte im Kochbuch zu finden. So findet man oftmals Eintöpfe mit Kraut und diversen Fleischarten, welche zur damaligen Zeit sicher vorhanden waren. Verschiedene Breiarten sind zu finden, welche heutzutage kaum mehr auf Speisenkarten stehen. Dies hat aber mehr mit der prinzipiellen Verdrängung von breiartigen Lebensmitteln zu tun. Auch eine kleine Kräuterkunde darf natürlich nicht fehlen. Aber auch hier steht der Laie wieder vor einer Herausforderung: Zum einen sind viele der verwendeten Kräuter für den modernen Gaumen recht gewöhnungsbedürftig (was aber nicht davon abhalten sollte, sie zu verwenden), zum anderen kann man oftmals von einer recht schwierigen Versorgungslage sprechen. Einige Kräuter sind nur durch viel Eigeninitiative erhältlich.
Authentizitätspannen
Definitiv daneben gegriffen haben die Autoren hingegen bei der Verwendung von Kohlrabi (dieser ist erst mit dem 16. Jahrhundert als Lebensmittel belegt) und Pfeffer. Dieser galt als eines der teuersten Lebensmittel überhaupt und wurde zeitweise mit Gold aufgewogen. Insbesondere da der Pfeffer aus Indien importiert werden musste, ist eine ausreichende Versorgung mit Pfeffer nicht vorstellbar. Natürlich ist heute der Spagat zwischen den erlaubten Lebensmitteln und jenen, die nicht ambientetauglich sind, ein ziemlich schwieriger. Wünschenswert wäre aber eine deutlichere Herausarbeitung eben dieser Rückgriffe auf modernere Lebensmittel. So sind z.B. auch Verweise auf moderne Saucen zu finden (Sauce Tartare), welche den Alamannen mit absoluter Sicherheit nicht bekannt gewesen sind. Mehrmals findet man direkte Anlehnungen an die französische bzw. deutsch/österreichische Küche. Panierte Champignons bei den Alamannen? Dies ist mit Sicherheit zu bezweifeln.
Gelungene Sammlung mit Abstrichen
Weniger kann mehr sein. Manchmal hat man den Eindruck als wären dem Verlag die Seiten ausgegangen, einige interessante Rezepte wurden somit etwas stiefmütterlich behandelt. Mehrere Rezepte teilen sich eine Seite und setzen somit ein grundsätzliches Verständnis für das Kochen voraus. Als totaler Neuling verliert man zwar nicht den Überblick, es gestaltet sich aber unnötig kompliziert für den Laien. Trotzdem ist es eine durchaus gelungene Sammlung von Rezepten, die zwar nicht durch absolute A+++ Tauglichkeit punkten, dafür aber viele "So könnte es gewesen sein"-Momente auslösen.
Meinung des Küchenchefs
Als Küchenchef betrachtet man viele Kochbücher mit nicht unerheblicher Skepsis. Oftmals werden wichtige Fakten ausgelassen, sind Rezepte verstümmelt oder im Ablauf falsch niedergeschrieben. Dies konnte ich hier nicht feststellen, aber dafür musste ich bei einigen Rezeptvorschlägen über die praktische Anwendung sinnieren. 180° C heißes Öl zum Frittieren im Lager umgeben von Strohballen? Der Spaßfaktor mag sicherlich hoch sein, sofern man in der Gruppe arbeitet. Für einen Koch allein, der für die Gruppenverköstigung zu sorgen hat, scheinen mir viele der Rezepte aber eher mühsam zu sein. Trotzdem handelt es sich um empfehlenswerte Lektüre für Lagergruppen.
Über die Autoren
Andrea Gräupel, Jahrgang 1963, zeigte schon in Kinderjahren Interesse am Kochen und entwickelte sich zu einer leidenschaftlichen Hobbyköchin. In den Jahren zwischen 2002 und 2005 durch Stefan Müller immer mehr ins Alamannenmuseum Ellwangen gelockt, wurde auch ihr Interesse an Geschichte geweckt. 2005 trat sie dann als Mitgründerin der Alamannengruppe Raetovarier bei und avancierte schnell zur Gruppenköchin. Seither hat auch sie sich der Recherche in den Bereichen Essen, Trinken und Kräuter und vor allem dem antiken Kochen verschrieben.
Stefan Müller, Jahrgang 1971, interessierte sich schon von Kindesbeinen an für Geschichte und Archäologie. 1998 wurde er Mitglied in der Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern e. V. und kam hierüber 2002 zur Museumspädagogik im Alamannenmuseum Ellwangen. Davon nicht genug gründete er 2005 die Alamannengruppe Raetovarier und verschrieb sich in seinem Hobby immer mehr der Recherche und der Living History. Zur Recherche gehört natürlich auch das Ausprobieren, vor allem der von Andrea Gräupel zubereiteten Gerichte.
Über den Rezensenten
Andreas Schepetz, 31 Lenze zählend, ist vielen als Feldmarschall beim Burgfest Kaprun bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass er sich als Autodidakt innerhalb weniger Jahre von der Küchenhilfe zum Souschef und Küchenchef in der Tiroler Gastronomie hochgearbeitet hat. Mittlerweile im Außendienst tätig, ist er nach wie vor ein begeisterter Koch.
Daten
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Verlag FEL!X AG; Auflage: 1 (1. Juni 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 386738052X
ISBN-13: 978-3867380522
14,95 Euro
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