Europäische Städte im Mittelalter
Ein Sachbuch von Ferdinand Opll
15. 8. 2010 - 12:00
Christina Precht
Im Jahr 1208 verlieh der Babenbergerherzog Leopold VI., der Glorreiche, den in Wien lebenden Tuchfärbern aus Flandern eine Urkunde, welche den Flandrenses wichtige Privilegien zusicherte. Der Inhalt dieser Urkunde greift viele Themen des frühen Städtewesens auf und bietet sich dadurch idealst als Ausgangspunkt für die Erforschung des mittelalterlichen Städtewesens an.
Die 800-Jahre-Feier des ältesten in den Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs überlieferten Dokuments bot einerseits die Möglichkeit zu einer Ausstellung unter dem Titel "Wien im Mittelalter. Aspekte und Facetten" (Okt. 2008-Jan. 2009), zu der auch ein kleiner Katalog in Zusammenarbeit von Ferdinand Opll und Christoph Sonnlechner erschien; zum anderen veranstaltete das Wiener Archiv die internationale Tagung unter dem Titel "Europäische Städte im Mittelalter", deren Ergebnisse von den beiden oben genannten Wissenschaftlern in diesem vorliegenden Sammelband veröffentlicht wurden. Der Band strebt jedoch keine Vollständigkeit in geographischer als auch thematischer Hinsicht an.
Übersichtlich und reich an Kartenmaterial
Schlicht, klassisch, aber voller wissenschaftlicher Fakten präsentiert sich der aktuelle Sammelband des Studienverlags optisch in grau mit rosafarbenen Farbakzenten und schließt damit als 52. Band farblich an seine Vorgänger aus der Reihe "Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte" an. Blättert der Leser rasch durch das Buch, fällt sofort die Fülle an historischem Kartenmaterial bzw. Ausgrabungsplänen in schwarz/weiß sowie in Farbe auf, die den übersichtlich gegliederten Text erläutern. Besonders angenehm sind auch die von Ferdinand Opll zusammengefassten Übersetzungen der drei englischen Beiträge.
Stadtentwicklung in fünf Themenblöcken
Der Band enthält auf 408 Seiten gebündelt die Beiträge der Tagung und bietet Einblicke in den aktuellen Stand der europäischen Stadtforschung und -archäologie im Rahmen von fünf thematischen Blöcken, deren Hauptschwerpunkt primär auf der topographischen Entwicklung, und nur sekundär auf sozialen Aspekten liegt. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt hierbei jedoch deutlich auf der Entwicklung Wiens sowie dem Donauraum und seiner Bedeutung im Mittelalter.
- Die mittelalterliche Stadt und ihre Erforschung: Der Stadtbegriff; die Stadt in Metapher und Dichtung; die Entwicklung der Stadtgeschichtsforschung.
- Zu den Anfängen des mittelalterlichen Städtewesens: London; Frühe zentralskandinavische Städte (u.a. Birka), Mittelalterforschung in der Stadtarchäologie, der Forschungsstand zum Wiener "Siedlungsbeginn"; Stadtplanung im hohen Mittelalter am Beispiel Wr. Neustadt, Marchegg und Wien.
- Sozialgefüge und Topographie: Dublin von der Wikingerzeit bis zum 13. Jh., Stadtraumgestaltung am Beispiel Polens; Städtische Entwicklung Wiens bis Ende des 13. Jh.
- Die mittelalterliche Stadt als Bühne bürgerlicher und herrschaftlicher Repräsentation: Bürgerliche Repräsentation in Köln; Der "adventus domini"; Ratsherren in den frühneuzeitlichen österreichischen Kleinstädten.
- Stadt und Umwelt: Stadtlandschaft an Strom und Straße; Regensburg; Wien im Spätmittelalter – der "ökologische Fußabdruck", der ungarische Donauraum des Mittelalters.
Sämtliche Artikel verfügen über eine umfassende Quellenangabe zu weiterführender Literatur.
Die Artikel selbst stammen aus der Feder von Wissenschaftlern aus Österreich, ebenso wie aus England, Irland, Schweden, Ungarn und Deutschland.
Keinerlei praktische Inhalte, trotzdem lesenswert
Wer sich, wie die Rezensentin, von dem Buch neue Erkenntnisse zu Sozialaspekten der mittelalterlichen Stadt, inbesonders mit Schwerpunkt auf Wien, erwartet, wird von dem Buch vermutlich enttäuscht werden, da der vorliegende Sammelband sich fast ausschließlich mit der Topographie der Stadtentwicklung auseinandersetzt. Dennoch ist es - sofern man keine im Hobby praktisch umsetzbaren Informationen sucht - eine sehr lehrreiche und interessante Lektüre zur Theorie der Stadtentwicklung, die Lust auf Stadtspaziergänge unter einem neuen Blickwinkel macht.
Autor und Herausgeber
Ferdinand Opll, ao. Univ.-Prof. Dr. phil., geb. 1950, Direktor des Wiener Stadt- und Landesarchivs und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Stadtgeschichtsforschung und Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, hat sich in den vergangenen Jahren in Historikerkreisen besonders aufgrund seiner Arbeiten zur hochmittelalterlichen Reichsgeschichte des Mittelalters sowie Wiener Stadtgeschichte gemacht. Bekanntere Publikationen von ihm sind u.a. Nachrichten aus dem mittelalterlichen Wien. Zeitzeugen berichten (1995); Leben im mittelalterlichen Wien (1998); (Hg., gemeinsam mit Peter Csendes), Die Stadt Wien (Österreichisches Städtebuch, Bd. 7, 1999); (Hg., gemeinsam mit Peter Csendes), Wien. Geschichte einer Stadt, Bd. 1 und 2 (2001, 2003); Wien im Bild historischer Karten (2004),
Christoph Sonnlechner, Dr., MAS, geb. 1972, Archivar am Wiener Stadt- und Landesarchiv, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung.
Daten
Europäische Städte im Mittelalter
Ferdinand Opll / Christoph Sonnlechner (Hg.)
Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Band: 52. Publikationsreihe des Vereins für Geschichte der Stadt Wien.; Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs Reihe C: Sonderpublikationen, Band 14
Verein für Geschichte der Stadt Wien und Studienverlag Ges.m.b.H:
1. Aufl. 2010, Innsbruck.
ISBN: 978-3-7065-4856-4
Umfang: 408 Seiten
Bilder: zahlreiche Abbildungen in s/w und Farbe.
Größe: 24 x 16,8 x 3 cm, broschiert.
Preis: 44,90 Euro
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