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Kalenderblatt März des Stundenbuches des Duc de Perry mit der für das Monat typischen Darstellung des Pflügens.

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Das sogenannte Schwarze Stundenbuch der Maria von Burgund mit extravaganter Bordüre.

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Begräbnisszene aus dem Stundenbuch des Étienne Chevalier.

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Auch der leicht abgestoßene Umschlag dieses Stundenbuches ist schön verziert.

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Herzog Albrecht V. (außen rechts) in seinem persönlichen Stundenbuch bei der Feier der Eucharistie.

Das Stundenbuch
Steckbrief eines Buchtyps oder:
Über Monatsblätter und Wanzen

15. 3. 2010 - 16:00
Andreas Ahammer


Aufgrund der kurz- bis mittelfristig anstehenden Rezensionen einiger wundervoller Stundenbücher, welche Huscarl von der ADEVA zur Verfügung gestellt wurden, erschien es dem Autor sinnvoll, dem geneigten Leser eine Einführung in diese Ordnung dieser historischen Schriftstücke zu liefern. Es handelt sich um Gebetsbücher, die seit dem 13. Jahrhundert für begüterte Laien angefertigt wurden.

Prinzipiell ist ein Stundenbuch (lat. Horarium; franz. Livre d´Heures; engl. Book of Hours) ein privates Andachtsbuch, welches in erster Linie von Laien genutzt wurde. Entstanden ist dieser Typus des Gebetsbuches im Laufe des 13. Jahrhunderts. Die größte Verbreitung fanden diese Büchlein, wie die berühmtesten Vertreter dieses Buchtypus wie das Très Riches Heures des Duc de Berry, das Schwarze Stundenbuch aus Brügge oder das in Wien beheimatete Stundenbuch der Maria von Burgund schon erahnen lassen, im frankophonen Gebiet.

Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts verdrängte das Stundenbuch die bisher so beliebten Psalterien (Gebetsbücher welche i.d.R. die 150 Psalmen in lateinischer Sprache beinhalten) beinahe vollständig und wurde zum non plus ultra der christlichen Laienfrömmigkeit. Nicht nur in ihrer überwältigenden Masse im Vergleich zu anderen Büchern errungen Stundenbücher eine besondere Stellung, auch die überaus hohe Anzahl an Prachtexemplaren innerhalb dieser Buchgattung ist paradigmatisch für den Erfolg der kleinen Gebetsbüchlein, welche sich auch zum Statussymbol und Luxusgegenstand von Privatpersonen entwickelten.

Name und Bedeutung

Der Name "Stundenbuch" erstand aus dem einfachen Grund, dass es Gebete enthielt, welche zu bestimmten Tageszeiten gesprochen werden sollten. Klingt in der Theorie recht simpel und unspektakulär, hat allerdings einen sehr komplexen Hintergrund, auf den ich im Folgenden doch wenigstens kurz eingehen möchte.

Eingeteilt wurde im Grunde nach der Teilung des Tages in Einheiten zu drei Stunden, wie sie bei Klerikern und Mönchen aus der Antike tradiert war. Sowohl die antiken Römer, als auch das frühe Judentum verfügten bereits über gewisse Stundengebete und für bestimmte Tageszeiten vorgeschriebene Andachtszeiten. Auch das aus dem Islam bestens bekannte und heute noch häufig praktizierte Salat, welches fünf mal am Tag in Richtung Mekka gebetet werden soll, fällt in diese Kategorie.

Die klassische christliche Einteilung der Stundengebete begann mit Matutin (Mitternacht), Laudes (3 Uhr), Prim (6 Uhr) und führte in Schritten zu drei Stunden weiter mit Terz, Sext, Non, Vesper und der abschließenden Komplet um 21:00, worauf der Gebetszyklus mit Matutin wieder erneut begann. Da dies natürlich in der Praxis eine quasi nicht zu bewältigende Gebetsfülle bedeutete, wurden vor allem die nächtlichen Gebetsstunden (Matutin und Laudes) beim Morgengebet (Prim) nachgeholt. Diese Siebenteilung des Tages wird i.d.R. auf Psalm 119, 164 zurückgeführt, in dem es heißt "Siebenmal am Tage sing ich dein Lob, weil deine Ordnungen alle gerecht". Die tatsächliche Ausformung, der Inhalt, sowie die Nutzung des Stundenbuches zeigt sich dementsprechend ebenfalls nicht dermaßen streng wie in diesen idealtypischen Vorgaben.

Inhalt

Auf der untersten Ebene kann man sagen, dass ein Stundenbuch aus drei verschiedenen Teilen besteht: Haupttexten, Nebentexten und zusätzlichen Texten. Dies sind die gängigen Kategorien, in welche die Teilstücke eingeordnet werden.

Die Haupttexte und Teile der Nebentexte entstammen dem Brevier (das klerikale Pendant zu und Vorbild des Stundenbuches) und gleichen diesem größtenteils. Aus eben diesem Grund werden die Begriffe Brevier und Stundenbuch heute auch oftmals synonym gebraucht. Die zusätzlichen Texte sind verschiedene Gebete und einzelne Psalmen.

Auf die genaue Zusammenstellung der Gebete, ihre Bedeutung, sowie die Gründe, warum sie wo in einem Stundenbuch zu finden sind, werde ich hier nicht weiter eingehen, würde dies doch deutlich den Rahmen dieser Kurzcharakteristik sprengen! Weitaus sinnvoller erscheint es hingegen, kurz und knapp den Inhalt des idealtypischen Stundenbuches anzuführen. Dieses besteht aus:

1 Kalendarium
2 Sequenzen
3 Gebet "Obsecro te"
4 Gebet "O intemerata"
5 Stundengebete zu Ehren der Jungfrau Maria
6 Stundengebete zur Kreuzesverehrung
7 Stundengebete zum Heiligen Geist
8 Buß-Psalmen
9 Litanei
10 Totengedächtnis
11 Fürbittgebete zu verschiedenen Heiligen

Dabei handelt es sich allerdings nur um die Haupt- und Nebentexte. Die zusätzlich in den Stundenbüchern vorhandenen Texte sind derart unterschiedlich, dass ihre Einbeziehung in eine idealtyptische Darstellung eben jene ruinieren würde. Zu erwähnen wäre ebenfalls noch, dass sich diese Reihenfolge von Stundenbuch zu Stundenbuch unterscheidet, mit der einzigen Ausnahme, dass sich das Kalendarium, welches die wichtigsten kirchlichen Feste verzeichnet, stets am Anfang befindet. Manchmal sind auch Teile zusammengefasst oder werden gänzlich ausgespart. Dies liegt schließlich auch in der Natur eines personalisierten Gebetsbehelfes. Besonderer Erwähnung bedarf wohl auch noch das Totengedächtnis. Das Totengedächtnis hat nichts mit einem morbiden Verhältnis zum Tod zu tun, sondern ist vielmehr ein zentraler Teil spätmittelalterlichen Glaubens. Der Leitsatz des "memento mori" war im Spätmittelalter omnipräsent, und so stand stete Buße und die Vorbereitung auf den im Mittelalter auch explizit und programmatisch so genannten "guoten tot" am Tagesprogramm der Volksfrömmigkeit. Die Tatsache des Vorhandenseins dieses Abschnittes ist als einer der deutlichsten Hinweise dafür anzusehen, dass die Stundenbücher ständig oder zumindest regelmäßig gelesen und zum privaten Gebet und zur Andacht genutzt wurden.

Ausschmückung

Der Grund dafür, dass sich Stundenbücher heute noch an Beliebtheit und Interesse erfreuen und in großer Zahl aufgelegt werden, liegt an ihrer größtenteils kunstvollen Illumination. Neben der Bedeutung für die Kunstgeschichte sind die Bilder programmatisches Abbild des Inhalts und der damit verbundenen (heilsgeschichtlichen) Bedeutung. Ebenso spiegeln sie Vorlieben des Auftraggebers und regionale Moden wider und lassen Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen Künstler und Gönner zu.

Grundelemente der Buchverzierung sind die Initiale, die Bordüre und die Miniatur. Der Begriff Initiale bezeichnet die wohlbekannten und schön ausgeschmückten Anfangsbuchstaben eines Absatzes, welche zuweilen - so sie mit kleinen Bildern ausgestattet sind - auch schon einen Hinweis auf den folgenden Inhalt geben. Bei der Bordüre handelt es sich um ein Flechtwerk aus Ornamenten, Blattwerk und anderen Elementen, welche eine Miniatur oder die ganze Seite einfasst und umrahmt. Unter Miniatur versteht man die kunstvollen Abbildungen, welche sich natürlich nicht nur in Stundenbüchern, sondern auch in anderen Bilderhandschriften finden lassen. Entgegen dem oft vorherrschenden Irrtum rührt der Name Miniatur allerdings nicht von der Tatsache her, dass es sich um besonders kleine Bilder handeln könnte. Vielmehr kommt der Name vom lateinischen Wort "minium" für den Farbstoff Mennige. Dies ist jener rote Farbstoff, welcher sehr häufig zur Hervorhebung gewisser Textstellen und zur Kolorierung der Bilder verwendet wurde.

Über die Ausschmückungen, deren Geschichte und deren Bedeutung wären, wie auch über die Zusammenstellung der Texte, Bücher zu füllen. Allerdings soll auch dies hier größtenteils außen vor gelassen werden. Es soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass sich archetypische Darstellungen für gewisse Inhalte entwickelten und diese sich i.d.R. auch (ausgenommen einiger weniger Ausnahmen oder Details) immer gleichen. So ist es für den Kenner ein Leichtes, sich auch in einem ihm bislang unbekannten Werk zurecht zu finden und den Inhalt zu erkennen.

Bedeutung und Gebrauch

Die Bedeutung des Stundenbuchs darf heute nicht unterschätzt werden. Die übermäßige Berühmtheit von Exemplaren wie jenen des Duc de Berry oder anderer Prachtexemplare und die beinahe schon inflationäre Verwendung der Abbildungen aus eben jenen lässt heute oft einen falschen Eindruck entstehen, nämlich jenen, dass Stundenbücher ausschließlich Luxusgegenstände der reichen Adelselite waren. Eher das Gegenteil war der Fall. Die Stundenbücher waren Mittel der Volksfrömmigkeit und des Glaubens und ein wohl enorm weit verbreitetes Werkzeug um mit sich selbst an seinem persönlichen Seelenheil zu arbeiten. Darüber hinaus ist es aufgrund des Kalenders eine Hilfe zur Orientierung nicht nur im kirchlichen Festkreis, sondern vielmehr auch im restlichen Jahr. Nicht umsonst zeigen die ikonographischen Programme der Kalenderblätter nicht die kirchlichen Feste des jeweiligen Monats, sondern die weltlichen Notwendigkeiten und Tätigkeiten, die in diese Zeit fallen.

Weiters dienten die Stundenbücher auch einem gewissen medizinischen Zweck. Die Zusatztexte enthielten Viten oder Gebete zu bestimmten Heiligen, welche man bei Leiden anrufen und um Hilfe bitten konnte. In einem spanischen Stundenbuch des 15. Jahrhunderts lässt sich so beispielsweise sogar eine Bitte um die Erlösung von Wanzen finden, welche bei entsprechendem Befall in die Gebete eingebaut werden konnte. Auch wurden beispielsweise jene Tage, welche als ungeeignet für einen Aderlass erschienen, im Kalenderteil gesondert mit einem "d" gekennzeichnet.

So kann gesagt werden, dass Stundenbücher nicht nur von ihren Auftraggebern und Besitzer maßgeblich geprägt wurden, sondern in gewisser Weise auch eine gute Quelle für Volksfrömmigkeit oder Aberglauben darstellen können. Sie waren nicht nur in Prachtexemplaren präsent, vielmehr zeigen eben diese wundervollen Kleinodien im Umkehrschluss die eigentliche Bedeutung des Stundenbuchs für den Einzelnen. So kann man eine durchaus persönliche Beziehung annehmen, die der Besitzer zu seinem, ihm oftmals "auf den Leib geschneiderten", Werkzeug zum Glauben hatte.

Dementsprechend häufig scheint es auch benutzt worden zu sein, denn die unzähligen Berichte reichen über die üblichen Schmeicheleien von Chronisten und Biographen weit hinaus. Auch ist zum Beispiel in den Rechnungsbüchern der Frau Karls IV. verzeichnet, dass sie eine Unmenge von Kerzen und Leuchtern benötigte, da sie jede Nacht in ihrem Stundenbuch las und daraus betete. All dies wird von der Tatsache unterstützt, dass oftmals mehrere Stundenbücher im Besitz einer Person waren, verloren gingen, beschädigt wurden und auch typische Abnutzungserscheinungen oder gar Wachsflecken aufweisen.

Forschung

Etliche Stundenbücher wurden innerhalb der Fachwissenschaft bearbeitet und die Ergebnisse publiziert. Auch die in Graz beheimatete ADEVA (Huscarl berichtete) hat mehrere Stundenbücher in verschiedenen Ausgaben in ihrem aktuellen Programm. Gesamtüberblicke zu dieser interessantesten Gattung der Gebetsbücher fehlen aber leider größtenteils. Während einzelne Stundenbücher in überschwänglichem Maße beforscht wurden (man denke an das auch von mir bereits erwähnte Très Riches Heures) und es eine enorme Masse an Forschungsarbeiten zu auf Stundenbücher spezialisierten Buchmalereischulen gibt, ist die einzig wirklich große Gesamtdarstellung aus dem Jahr 1927. Abbé Leroquais veröffentlichte in jenem Jahr mit "Les Livres D'Heures. Manuscrits de la Bibliotheque National" einen Katalog, welcher alle 335 Stundenbücher der französischen Nationalbibliothek beschreibt. Eine Zahl, die nicht nur erneut die Popularität dieses Buchtyps vor Augen führt, sondern auch umso mehr verwundern lässt, warum sich in jüngerer Vergangenheit niemand intensiver mit dem Thema beschäftigt hat.

Folia - die Orientierung in der Handschrift

Abschließend soll zu einem besseren Verständnis einer etwaigen Lektüre noch eine Kleinigkeit geklärt werden, welche unter Laien und Neulingen oftmals für Verwirrung sorgt. Erst sehr spät erfolgte im ausgehenden Mittelalter eine allmähliche Paginierung der Seiten so wie wir sie heute kennen. Eine Angabe wie "Seite 12" wird in einem mittelalterlichen Kodex ebensowenig wie in einem Faksimile zu finden sein. Die Zählung, die man findet, erfolgt nach Blättern ("folio" kurz f. oder fol.), welche nach einer Vorderseite ("recto" kurz r) und einer Rückseite ("verso" kurz v) unterschieden werden. So ist beispielsweise mit "fol.12v" einer Handschrift gemeint, dass man sich auf die Rückseite des 12. Blattes bezieht, was nach moderner Zählung Seite 24 entsprechen würde.


Weiterführende Links und Literaturvorschläge:
externer Link Wikipedia: Stundenbuch
externer Link Wikipedia: Brevier Liturgie
Harthan, Johann: Stundenbücher und ihre Eigentümer. Freiburg2 1982. S. 9-39.
Thoss, Dagmar: Stundenbuch. In: Lexikon der Mittalters. München 1997. Bd.VIII Sp. 259 s.v. Stundenbuch.

Bei unserem Verlagspartner ADEVA
erhältliche Stundenbücher:

externer Link Das Stundenbuch der Maria von Burgund
Glanzlichter der Buchkunst, Band 3

externer Link Das Farnese Stundenbuch
Studienausgabe
Faksimile Normalausgabe
Faksimile Luxusausgabe

externer Link Das Da Costa Stundenbuch
Dokumentation, erscheint im Summer 2010
Faksimile Normalausgabe
Faksimile Luxusausgabe

externer Link Verlagshaus Adeva



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