Eine wissenschaftliche Betrachtung
der "närrischen Zeit" im Mittelalter
Johannes Grabmayer (Hg.), Das Königreich der Narren – Fasching im Mittelalter
31. 5. 2010 - 16:11:11
Arnulf Zeilner
Vom Marktgeschehen her ist die Faschingszeit noch eine tote Zeit, daher mag sich mancher noch nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Für jeden, der dies dennoch tun will ist nun mit dem im Vorjahr erschienenen Tagungsband der 13. Akademie Friesach, die Ende 2007 stattfand, die Gelegenheit gegeben, einige Wissenslücken umfassend zu füllen.
"Königreich der Narren – Fasching im Mittelalter" ist ein interdisziplinäres Werk, das sich mit den verschiedenen Aspekten des Fasching, Karneval oder auch der Fastnacht beschäftigt. Ob es nun allgemeine Betrachtungen zu der Zeit der "verkehrten Welt" sind oder Forschungen zur Etymologie der Bezeichnungen, Überlegungen zum Zeitraum des Narrenfestes oder eine Darstellung antiker Bräuche mit karnevalesken Zügen: Den meisten Lesern wird vieles unbekannt erscheinen, etliches als interessante Neuigkeit und doch wird ihm auch hin und wieder etwas Vertrautes unterkommen.
Wissenschaft muss nicht trocken sein!
Faszinierend ist, wie man Forschung durch Anekdoten und Geschichten auflockern kann, ohne dass dem Konsumenten der Information bewusst wird, dass ihm hier einfach nur die Quellenlage nahe gebracht wird. Es wird viel Wert darauf gelegt, Geschichte zu erzählen, sie den Menschen wieder begreiflich zu machen und somit vielleicht sogar eine breite Leserschaft zu erreichen. Als weiterer positiver Punkt sei hier angemerkt, dass hier nicht verbreitet wird, es sei so oder so gewesen, wenn dies nicht gesichert ist. Es wird klar getrennt was Spekulation, was Theorie und was die Quellenlage ist. Natürlich muss einem bewusst sein, dass "Das Königreich der Narren – Fasching im Mittelalter" den derzeit neuestem Stand der Wissenschaft wiederspiegelt.
Fußnoten? Kein Problem!
Die Fußnoten sind oft interessant, doch nehmen sie nicht in einer Art überhand, dass sie mehr Platz benötigen würden als der Fließtext, wie es schon in anderen Werken beobachtet wurde. Der Fließtext selbst ist flüssig zu lesen und vor allem auch ohne die Fußnoten nachvollziehbar. Daher sind auch einige Anmerkungen direkt im Text enthalten und somit genau an den Stellen, wo auch jemand, der wissenschaftliche Werke nicht gewohnt ist, sie benötigt.
Von der Narrengesellschaft bis zum Totentanz
Die Existenz närrischer Gesellschaften wundert einen kaum, doch welch Ausmaße und Einfluss diese haben konnten ist beeindruckend. Narrenmütter mit einem Hofstaat von zweihundert Personen wie die Infanterie Dijonnaise in Burgund, deren Mitglieder allesamt wohlhabend, berühmt oder beides waren. Es gab eine eigene Gerichtsbarkeit innerhalb der Gesellschaften. Hier gab es Quasi-Reiche, die die reale Welt karikierten, sei es die Politik oder auch – und das vor allem – den Klerus.
Hier werden verschiedensten Bräuche wie zum Beispiel das Nürnberger Fastnachtsspiel oder als weiteres gut dokumentiertes Beispiel der Schembartslauf beschrieben. Letztendlich bietet das Buch noch Beiträge zum Fasching als Krisenzeit und zu dem Thema, wann und wie der Narr in den Totentanz kam.
Der Herausgeber
Der ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Johannes Grabmayer ist an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt als Vorstand des Instituts für Geschichte tätig. Er ist der wissenschaftliche Leiter der Akademie Friesach und erstellte auch das Konzept für das auf dreißig Jahre ausgelegte Burgenbauprojekt in Friesach.
Empfehlenswert
Der Leser hat die Möglichkeit bei jedem Beitrag erneut in eine wundersame Welt einzutauchen. Wie schon erwähnt, wird hier viel Wert darauf gelegt, Geschichte zu erzählen um sie den Menschen begreiflich zu machen. Dieser Ansatz ist sehr begrüßenswert und hilft mit, eine Brücke zu schlagen, so dass Geschichte zum Allgemeingut wird.
Daten
Das Königreich der Narren
Fasching im Mittelalter
Sprache Deutsch
Seitenanzahl: 279 S.
Herausgeber: Grabmayer J
ISBN 978-3-85391-000-9
Erhältlich bei:
Alpen-Adria-Univ. Klagenfurt
Institut für Geschichte
Universitätsstraße 65-67
9020 Klagenfurt
Preis (unverbindlich): EUR 24,00 + Versandkosten
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