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Musica Turris
An der Gewandung wird noch fieberhaft gearbeitet. Aber was historische Trompetenmusik betrifft, wird man sich schwer tun, Vergleichbares zu finden. Musica Turris wird bei ihren ersten Auftritten beim Mittelalterfest auf Burg Clam Maßstäbe setzen.

Die Geschichte der Trompetenmusik
Eine österreichische Formation bietet Außergewöhnliches
Helmut Posch
12.10.2011 22:13

In mittelalterlichen Historienschinken kann man manchmal Herolde bewundern, die in lang gestreckte, gerade Trompeten blasen, um den Beginn eines Festes, die Ankunft eines Fürsten oder sonstige wichtige Ereignisse anzukündigen. So weit, so gut, so sahen die Trompeten im Mittelalter aus. Die Musikstücke, die der Komponist der Filmmusik dafür  vorgesehen hat, entsprechen zwar möglicherweise dem Geschmack und der Hörgewohnheiten des heutigen Publikums und dem der Hollywood-Produzenten, aber ganz sicher nicht auch nur annähernd der historischen Realität. Sie wären auf den damaligen Instrumenten einfach nicht spielbar gewesen.

Doch wir wollen mit den Produzenten nicht allzu streng ins Gericht gehen. Tatsache ist, dass wir über mittelalterliche Trompetenmusik herzlich wenig wissen. Das, was wir wissen, entspricht unseren Vorstellungen über feierliche Musik so ganz und gar nicht.

Älteste erhaltene Instrumente aus dem Spätmittelalter

Die ältesten erhaltenen Trompeten stammen aus dem 15. Jahrhundert. Es handelt sich um relativ kurze (etwa 160 cm) gerade Trompeten mit nur schwach ausladender Stürze (Schall-trichter). Auf Ihnen wurden, wie wir aus theoretischen Abhandlungen und überkommenen Mundstücken (die ältesten aus dem Jahre 1578) der damaligen Zeit vermuten können, lediglich die vier bis fünf tiefsten Töne der Naturtonreihe geblasen. Damit waren nur relativ melodiearme Signale möglich, die aber leicht zu behalten waren. Von Bedeutung war ferner die große Lautstärke, die mit diesen Instrumenten erreicht werden konnte. Nicht nur, um die laute Volksmenge zu übertönen, sondern auch das Waffengeklirr in Schlachten.

Militärische Verwendung

Belegt ist die Trompete als militärisches Instrument, sogar in Verbindung mit Kesselpauken, bei den Sarazenen, noch bevor sie um etwa 1230 als „trumpa“ in (Süd-)Europa auftauchte. Die ursprüngliche Funktion scheint wohl auch die Einschüchterung des Feindes durch Lärm, ähnlich dem Kriegsgeschrei, gewesen zu sein. Damit kann man sich das Klangbild mittelalterlicher Trompetenmusik wohl zur Genüge vorstellen!

Trompetenmusik - das Attribut der Herrscher

Die kriegerische Verwendung rückte das Instrument und auch die Bläser bald in die Nähe der Heerführer. Diese rekrutierten sich (meist) aus dem hohen Adel , und so wurde die Trompete ein Attribut der Fürsten, auch dazu angetan, dessen Macht akustisch hervorzuhe-ben. Dadurch wiederum stiegen die Trompeter, ursprünglich wie alle Musiker zum unehrli-chen Volk gehörend, sozial in den ehrlichen, ja sogar in einen privilegierten Stand auf. Nicht jedem stand es zu, Trompeter in seinen Diensten zu haben und nicht jedem stand es zu, Trompeter sein zu dürfen.

Früheste erhaltene Partitur aus 1614

Wie sieht es nun mit der frühen Trompetenmusik aus? Wie bereits erwähnt, war sie im Mittelalter sehr einfach und vorzugsweise laut. Aufzeichnungen in Form von Noten sind bislang nicht bekannt, die früheste geschriebene (gedruckte) Trompetenmusik kennen wir aus dem Jahr 1614. Cesare. Bendinellis „Tutta  L’Arte Della Trombetta“ ist zugleich die älteste bekannte Trompetenschule. Das Werk enthält einen kompletten Satz von Feldsignalen aber auch sogenannte Sonaten für mehrere Trompeten.

Formen-Entwicklung ab 1400

In der Zeit bis Bendinelli hatte die Trompete eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Um 1400 begann man, Rohre zu biegen und, wenn man so will, die durch Länge und Gewicht stark knickgefährdeten Trompeten „zusammenzulegen“. Neben S-förmig gewundenen Trompeten wurden auch welche in „Bügelform“ gebaut und diese Bauweise hat sich im Großen und Ganzen bis heute erhalten. Die ältesten erhaltenen Instrumente dieser Art befinden sich in Basel und stammen aus dem Jahr 1578. Baseler Stadttrompeter sind seit 1384 durch kaiserliches Privilegium belegt.

Erweiterter Tonumfang

Aber nicht nur die Trompete war weiterentwickelt worden. Verbesserte Blastechnik und Mundstücke, aus gegossenem Messing gedreht, hatten den spielbaren Tonumfang des Instruments bedeutend erweitert. Im erwähnten Werk Bendinellis finden wir – und nicht nur einmal – bereits den 12. Teilton (das g''), im nur wenige Jahre später (1638) erschienenen „Modo per Imperar a Sonare di Tromba“ des bedeutenden italienischen Trompeters Girolamo Fantini finden wir bereits Passagen, die bis zum 16. Teilton (c''') reichen und – nebenbei bemerkt – ebenfalls einen kompletten Satz Feldsignale.

Intrada - der Aufzug

Aus den Ankündigungssignalen für Fürsten und Festlichkeiten hatte sich die „Intrada“ (im Deutschen als „Aufzug“ bezeichnet) entwickelt. Ein Musikstück für mehrere Trompeten und Pauken, um das Erscheinen des Fürsten festlich anzukündigen. Es gibt Hinweise, dass ein-zelne Herrschergeschlechter eigene „Signets“ hatten und bei der bekannten „Toccata“, die der Oper „L’Orfeo“ von Claudio Monteverdi vorangestellt ist, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um ein solches Signet handelt.

Die Kunst der Aufzüge wurde durch die gesamte Renaissance, das ganze Barock und Rokoko bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts betrieben und weiterentwickelt. Besonders aus dem Barock sind Aufzüge und aufzugsähnliche Musikstücke erhalten, deren musikalische Qualität außerordentlich ist, die aber auch enorme Anforderungen an die Bläser stellen.

Ende der Epoche der Hoftrompeter

Gegen Ende des 18 Jahrhunderts verlor die (Natur-)Trompete zusehends ihre politische Funktion und erhielt in der Kunstmusik andere Aufgaben, beziehungsweise wurde sie im militärischen Bereich wieder auf die ursprüngliche Funktion als Signalinstrument „zurückgestutzt“. Zwar gab es immer wieder historisierende Ereignisse, wie der Umzug, den der berühmte Maler Hans Makart zum silbernen Thronjubiläum des Kaisers Franz Joseph I gestaltete, doch war die Epoche und Kunst der Hoftrompeter unwiderruflich vorbei.

Fanfarenzüge: Abgrenzungen und Unterschiede

Die allmählich aufkommenden Fanfarenzüge gaben und geben zwar vor, die Trompeter- und paukertradition fortzuführen und hochzuhalten, doch das geschieht nur bis zu einem gewissen Maße. Die heutzutage verwendeten Instrumente entsprechen nur bedingt der Mensur der alten Trompeten. Ein zu großer Schallbecher sitzt auf einem durch die hohe Es-Stimmung relativ weit mensurierten Rohr, das Klangbild ist entsprechend grell. Oft werden die Fanfarentrompeten auch schon durch moderne Ventiltrompeten ersetzt. Die Fanfaren-Stücke sind oft neueren Datums (soll heißen: 19. Jahrhundert) und entbehren durch ihre kompakte Akkord-Orientierung der differenzierten, in einzelne Register (Clarini, Toccato, Principal) unterteilten Spielweise der alten Trompeter.

Mit der Wiederentdeckung des Musizierens auf alten Instrumenten aber sind auch die frühen Trompeten des Barock und deren Spielweise wieder in Gebrauch gekommen. Allenthalben werden Kopien alter Trompeten hergestellt und man kann nun versuchen, ein halbwegs korrektes Klangbild der alten Trompetenmusik zu rekonstruieren.

Das Ensemble Musica turris

Dieser Aufgabe widmet sich das Ensemble „Musica turris Linz“. Im Kulturjahr 2009 wurde der Türmerdienst in Linz „neu belebt“. Täglich um 18:00 sollten Signale vom Turm der Stadtpfarrkirche aus in alle vier Himmelsrichtungen über die Stadt ertönen und die Signaldienste von Lehrern und Schülern der Linzer Musikschule verrichtet werden.

Man entschloss sich dazu, Barocktrompeten, von denen anfangs drei, später vier zur Verfügung standen, zu benutzen, keine Fanfarentrompeten, und die Signale aus dem „Modo per Imperar“ von Fantini zu spielen. In der letzten Woche von „2009“ blies das Ensemble dann, abweichend vom Plan, drei- und vierstimmige Aufzüge zum eigenen Vergnügen – und hoffentlich auch dem des Publikums. Das war die eigentliche Geburtsstunde von „Musica turris“.

Auf diversen Mittelalterfesten war den Ensemblemitgliedern schon als Besucher aufgefallen, dass eigentlich nie Hof- oder Standestrompeter zu hören waren. Allenfalls Fanfarenzüge, schlimmstenfalls eine Musik-Konserve.

Bei der Burgbelebung auf Burg Clam vom 15. bis 16. Oktober 2011 bekommt das Ensemble nun erstmals die Gelegenheit, die alte „musicalisch – heroische Trompeter- und Paukerkunst“ einem historisch interessierten Publikum im entsprechend stimmungsvollen Ambiente präsentieren zu können. Ein einmaliges Ereignis, auf das man sich zu Recht freuen darf.





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